Herford Letzter Wunsch erfüllt

Matthias Schneider hat die Urne mit Heinz Schöns Asche am Wrack der "Wilhelm Gustloff" abgelegt

Herford. Dichter Nebel wabert über der polnischen Ostsee. Die grau-grüne Wasseroberfläche ist spiegelglatt, an Bord ist es still. Kapitän Wojt Jechna kippt ein Glas Rum ins Wasser, Luise Schneider wirft rote Nelken hinterher. 50 Meter weiter unten legt ihr Mann Matthias die Urne von Heinz Schön auf das Wrack der "Wilhelm Gustloff", daneben eine Gedenktafel. Der letzte Wunsch des langjährigen Herforder Verkehrsdirektors, Theaterleiters und Buchautors ist damit erfüllt. Schneider, Inhaber des Tauchcenters Bielefeld, verband eine persönliche Freundschaft mit Schön. "Wir haben uns auf der Geburtstagsfeier eines Schiffseigners kennengelernt." Die beiden unterhielten sich angeregt, Schneider war von Heinz Schöns Ostsee-Geschichten inklusive Untergang der Wilhelm Gustloff fasziniert, Schön staunte über Schneiders Leidenschaft fürs Wracktauchen. In einem Gespräch – allerdings Jahre später – ließ Schön seinen Freund wissen, dass er sich wünscht, dort seine ewige Ruhestätte zu finden, wo er vor 70 Jahren mit dem Leben davon gekommen war: mitten in der Ostsee, am Grab der Wilhelm Gustloff, über die er so viele Geschichten erzählt und mehr als 20 Bücher geschrieben hat. Ein offizielles Testament gab es nicht. "Aber als Heinz gestorben war und ich der Familie davon erzählte, waren alle einverstanden", sagt Schneider. Zu seiner Überraschung bekam er auch von der polnischen Regierung grünes Licht – dem Unterfangen stand nichts mehr im Wege. Am 10. Mai machte sich Schneider mit zehn weiteren Tauchern und Taucherinnen vom polnischen Küstenort Wladyslawowo aus auf den Weg, vier Stunden lang hinaus zu jener Stelle, an der die Wilhelm Gustloff seinerzeit von russischen Torpedos getroffen wurde. "Es war total neblig und windstill, die Wasseroberfläche war wirklich spiegelglatt – das hatte schon was Mystisches", schildert Schneider die Atmosphäre. An Bord schien das jeder so zu empfinden, statt der sonst üblichen ausgelassenen Stimmung war es mucksmäuschenstill. "Als wir die Stelle erreicht hatten, holte der Kapitän eine Glocke und eine Flasche Rum heraus und sprach ein paar Worte", erzählt Schneider. Zuerst habe er selbst ein Glas getrunken. Dann habe er eins "für Heinz" ins Meer gekippt. "Der Rest war für uns", sagt Schneider und lacht. "Aber erst nach dem Tauchgang." Das Wasser in 50 Metern Tiefe war nur zwei Grad kalt, "aber die Sicht war hervorragend, etwa 20 Meter". Mit Taucherlampen gegen die Finsternis ausgerüstet, war die Gruppe schnell am Wrack. "Da unten ist nicht mehr viel", sagt Schneider, der sich mit dem Tauchgang zur Wilhelm Gustloff selbst einen Wunsch erfüllt hat. "Die Russen haben in den 70ern viel geplündert, weil sie dort das Bernsteinzimmer vermuteten." Urne und Gedenktafel fanden ihren Platz im hinteren Bereich des Schiffes. "Das Gefäß ist aus Salz, in den kommenden Wochen wird es sich auflösen", sagt Matthias Schneider. Heinz Schöns Asche wird sich dann übers Wrack und am Meeresgrund verteilen. Die Gedenktafel aus Edelstahl hingegen wird die Jahrzehnte überdauern. Die Gravur werden die wenigen Taucher am Grund der Ostsee auch in 100 Jahren noch lesen können: "Ruhe in Frieden, Heinz Schön, 3. Juni 1926 bis 7. April 2013".

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