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Herford Der andere Blick aus der Krise

Griechische Aktivistin berichtete über die Lage in Griechenland

VON RALF BITTNER
03.04.2013 | Stand 02.04.2013, 19:39 Uhr
Auf Einladung der Linksjugend informierte Donna Litzou über die soziale Lage in Griechenland und mögliche linke Gegenstrategien. - © FOTO: RALF BITTNER
Auf Einladung der Linksjugend informierte Donna Litzou über die soziale Lage in Griechenland und mögliche linke Gegenstrategien. | © FOTO: RALF BITTNER

Herford. 28 Prozent Arbeitslosigkeit, eine Jugendarbeitslosigkeit von 60 Prozent, 25.000 Obdachlose allein in Athen, das Aus für den öffentlichen Bildungssektor, Städte ohne Krankenhäuser - die Lage der griechischen Bevölkerung nach der "Bankenrettung" im vergangenen Jahr ist unverändert düster. Das sagte zumindest Donna Litzou, eine griechische Aktivistin, die auf Einladung der Linksjugend im Jugendzentrum Die 9 referierte.

Litzou studiert Soziologie und ist als Mitglied der Organisation Xekinima im Linksbündnis Syriza aktiv, in dem Organisationen zusammengeschlossen sind, die von kommunistischen bis zu sozialdemokratischen Organisationen reichen. Bei den Parlamentswahlen im Juni 2012 wurde Syriza mit 26,9 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft im Parlament.

Neben dem Blick auf die Folgen der Krise, die immer noch nicht absehbar sind - etwa 150 Fakultäten an griechischen Hochschulen sollen geschlossen werden oder fusionieren, das Bestreiken zentraler Einrichtungen wie Häfen oder anderer Transportinfrastruktur werde mit einem "praktischen Kriegsrecht" illegalisiert. All das seien Anzeichen dafür, dass die Regierung Angst davor habe, dass sich die Linke unter einem gemeinsamen revolutionären Programm vereinigen könnte. So erlebte Griechenland eine Reihe von 20 Generalstreiks in zwei Jahren, die jedoch nicht den erhofften Erfolg brachten, eben weil nicht gemeinsam agiert worden sei. Das Problem der Linken sei weniger die Analyse der Probleme, sondern das Fehlen einer gemeinsamen Strategie, wie diese gelöst werden könnten. Anders ist für Litzou der Wahlerfolg der neofaschistischen "Goldenen Morgenröte", die mit knapp 7 Prozent immerhin fünftstärkste Kraft im Parlament geworden sei und in aktuellen Meinungsumfragen sogar als drittstärkste Kraft geführt werde, nicht erklärbar. Für die seien die Migranten Schuld, politische Gegner werden mit Terror überzogen. Natürlich seien nicht 450.000 Griechen über Nacht zu Faschisten geworden, doch die Erfolge der Morgenröte zeigen, wie verzweifelt Teile der Bevölkerung sind.

Für die Aktivistin ist eine grundlegende Veränderung nur durch die Zusammenarbeit der Linken über Länder- und Fraktionsgrenzen hinweg möglich, ihr Ziel ist eine "Sozialistische Föderation der Europäischen Staaten", in denen die Beschäftigten selbst über die Produktionsmittel verfügen.

Dass nicht einmal 20 Zuhörer gekommen waren, irritiert sie nicht. Medien und Politik täten ja das ihre, um die gemeinsamen Interessen zu verschleiern. In Deutschland werde gegen die "faulen Griechen" polemisiert, in Griechenland Merkel zur Hitler-Nachfolgerin stilisiert. Dabei gehe es doch Wirtschaft und Politik in beiden Ländern nur um eines: die Maximierung der Gewinne für die großen Unternehmen auf Kosten der Werktätigen.

Zufrieden mit der Resonanz war Meshut Cakar von der Linksjugend: "In Herford gibt es keine Tradition mit Vorträgen und Diskussionen zu solchen Themen. Von den Vorträgen, die wir bisher organisierten, war dieser am besten besucht."

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