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Der Herforder Autor Dirk Riepe will mit seinen Geschichten Mut und Spaß machen und zum Nachdenken anregen. - © FOTO: EIKE J. HORSTMANN
Der Herforder Autor Dirk Riepe will mit seinen Geschichten Mut und Spaß machen und zum Nachdenken anregen. | © FOTO: EIKE J. HORSTMANN

Herford "Wahrnehmung völlig umgedreht"

INTERVIEW: Autor Dirk Riepe (50) über sein neues Buch und sein Leben als "Teilzeitbehinderter"

22.11.2012 | Stand 21.11.2012, 19:28 Uhr

Herford. Über behinderte Menschen und ihre Erlebnisse lachen? Was sich auf den ersten Blick fast von selbst verbietet, hat beim Herforder Dirk Riepe System. Der Autor ist vor 20 Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt und schreibt über sein Leben - augenzwinkernd und lebensbejahend. NW-Volontär Eike J. Horstmann sprach mit dem Autor über sein neues Buch "Ganz schön cool, behindert zu sein!" und über Barrierefreiheit im menschlichen Miteinander.

Herr Riepe, in Ihrem Buch schildern Sie Szenen aus Ihrem Leben als MS-Kranker - und das unter dem Titel "Ganz schön cool, behindert zu sein!". Eine bewusste Provokation?

DIRK RIEPE: Mir ging es eher darum, dass die Leute sofort wissen, worum es geht. Mein erstes Buch hieß "Ernähren Sie sich salzfrei!", nach einem tatsächlich ernst gemeinten Ratschlag eines Oberarztes. Da dachten viele, dass es sich um einen bekloppten Ernährungsberater und nicht um ein Buch über Multiple Sklerose handeln würde. Da weckt dieser Titel doch sicher mehr Interesse.

Trotzdem gerät man als Nicht-Behinderter bei einem solchen Satz ins Stutzen. Wann ist es bitte cool, behindert zu sein?

RIEPE: Das ist natürlich in erster Linie ironisch gemeint, geht aber auf einen tatsächlichen Gedankengang von mir zurück. Als ich einmal auf dem Balkon die Nachbarn beim Rasenmähen beobachtet habe, dachte ich mir: Cool, das muss ich mir jetzt nicht geben. Und den Rasen nicht mähen oder nicht Heimwerken zu müssen, ist für mich schon Lebensqualität (lacht) .

Ihre "Erlebnisse eines Teilzeitbehinderten" sind aber nicht nur aus der Beobachterperspektive vom Balkon aus entstanden.

RIEPE: Nein, das sind Geschichten, die ich größtenteils selbst erlebt habe. Es sind streckenweise skurrile Szenen, die in der Situation selbst nicht gerade witzig waren, im Nachhinein aber sehr zum Lachen sind. Ich nehme mich dabei bewusst selbst auf die Schüppe. Und die Leser sollen auch lachen. Sie sollen aber auch angeregt werden, über das Thema Behinderungen nachzudenken.

Geben Sie mal ein Beispiel.

RIEPE: Oh, da gibt es einige. Ich habe mir zum Beispiel auf einer Pflegestation Gedanken darüber gemacht, wie unterschiedlich doch das Wort "Pflege" sein kann. In der Werbung heißt es Wellness, im Gesundheitssystem völlige Abhängigkeit. Ich habe mir dann gedacht: Dann buche ich doch hier in der Reha mal ein Wellness-Pflege-Paket! Hat aber nicht ganz geklappt, statt dessen hat mir die Pflegerin tagelang die Hosen falsch herum angezogen.

Haben Sie Ihr Buch eher für behinderte oder für nicht-behinderte Menschen geschrieben?

RIEPE: Für beide. Immerhin schreibe ich weniger über meine Erkrankung, sondern darüber, wie man mit der Situation als behinderter Mensch in der Gesellschaft klarkommt - und natürlich auch, wie die Gesellschaft mit behinderten Menschen klarkommt. Es gibt eine Menge Missverständnisse und Unklarheiten, und zwar in beide Richtungen. Ein Rollstuhl wird zum Beispiel von vielen als das Symbol für Behinderung schlechthin gesehen. Für mich ist es die genialste Erfindung aller Zeiten, die mir überhaupt ermöglicht, am Leben teilzunehmen. Die Wahrnehmung ist völlig umgedreht.

Und Sie wollen die Wahrnehmung mit Ihren Geschichten ändern?

RIEPE: Ich kann eine andere Perspektive aufzeigen. Ganz bildlich gesprochen: Rollstuhlfahrer sitzen ja meist unten und haben damit den "tiefergelegten Blick". Ich habe einen Rollstuhl, den ich rauf- und runterfahren kann. Eigentlich, um im Büro an Regale zu kommen. Aber wenn ich damit auf der Straße Leuten plötzlich auf 1,80 Meter und damit auf Augenhöhe begegne, ist es für einige schon zu viel.

Provokation durch Konfrontation?

RIEPE: Vielleicht. Viele wissen einfach nicht, wie sie mit behinderten Menschen umgehen sollen. Das fängt schon damit an, dass nicht der Rollstuhlfahrer "Wie geht’s Dir?", sondern der Begleiter "Wie geht’s ihm?" gefragt wird. Beide Seiten müssen die Welt des anderen verstehen, sonst funktioniert das Miteinander einfach nicht. Da ist mein Buch vielleicht ein kleiner Beitrag zur Inklusion.

Werden Sie dem zweiten Buch ein drittes folgen lassen?

RIEPE: Mal sehen. Geschichten gibt es jedenfalls genug.

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