Oliver Schmidt (v.l.) und Irmgard Pehle vom DGB-Kreisvorstand sowie Bürgermeister Bruno Wollbrink und Michaela Gröchtenmeier von der Stadt Herford tragen Kränze zum Grab Heiko Ploegers. - © FOTOS: EIKE J. HORSTMANN
Oliver Schmidt (v.l.) und Irmgard Pehle vom DGB-Kreisvorstand sowie Bürgermeister Bruno Wollbrink und Michaela Gröchtenmeier von der Stadt Herford tragen Kränze zum Grab Heiko Ploegers. | © FOTOS: EIKE J. HORSTMANN

HERFORD Angst lähmt - damals wie heute

Herforder gedenken des NS-Widerstandskämpfers Heiko Ploeger und schlagen den Bogen in die Gegenwart

VON EIKE J. HORSTMANN

Herford. Den nach ihm benannten Bürgerpreis für Zivilcourage gibt es nicht mehr. Dennoch soll weiter jährlich an den Herforder Widerstandskämpfer Heiko Ploeger erinnert werden. Mit einer Gedenkfeier, einer Schweigeminute und Kränzen wurde am Samstag - Ploegers Todestag - dem 1944 von den Nationalsozialisten ermordeten Metallarbeiter gedacht.

Die Ansprache am Grab Ploegers auf dem Friedhof "Zum Ewigen Frieden" hielt der Herforder Pfarrer und Friedensaktivist Berthold Keunecke. Eine bewusste Wahl der Organisatoren vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und "Arbeit und Leben", wurde doch der 1988 gestiftete Heiko-Ploeger-Preis im Streit um die Person Keuneckes 2010 abgeschafft. Die in der Jury vertretenen CDU-Politiker hatten den potenziellen Preisträger abgelehnt, da er ihrer Meinung nach rechtswidrig eine Kurdin und ihre Töchter aufgenommen hatte, nachdem deren Asylantrag abgelehnt worden war. Es folgte eine Grundsatzdebatte über die Preisvergabe, an deren Ende der Rat der Stadt das völlige Aus des Preises beschloss.
Der politische Streit wurde jetzt bei der Gedenkfeier nicht weiter thematisiert. Vielmehr schlugen die Redner Bögen von der Zeit des Nationalsozialismus in die Gegenwart. "Wenn ich daran denke, wie gefährlich es vor 68 Jahren war, für ein demokratisches, freies und besseres Deutschland einzutreten, erschüttert mich die Angst vieler Leute, sich heute dafür einzusetzen", sagte Irmgard Pehle, Vorsitzende des DGB-Kreisverbandes Herford, in ihrer Begrüßung. Angst war dann auch das zentrale Thema in Keuneckes Ansprache.
Die Nazis hatten gezielt auf die Angst gesetzt, um ihre Gegner zu lähmen. "Und das hat an vielen Stellen funktioniert", sagte Keunecke. Auch heute hätten viele Leute Angst davor, Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu leisten. Die Bedrohung sei jedoch nicht mehr Verfolgung und rohe Gewalt, sondern der soziale Abstieg. Die Menschen fühlten sich klein und ohnmächtig und fürchteten, ihren Lebensstandard nicht mehr halten zu können. "Es ist eine diffuse Angst vor dem Dunkel der Zukunft", sagt Keunecke.

"Aber sie bewirkt fast das, was die Angst damals bewirkt hat." Heiko Ploeger sei ein Beispiel dafür, dass man die Angst überwinden könne. Er habe sich nicht einschüchtern lassen, obwohl er wusste, dass er um Leib und Leben fürchten musste. "Heiko Ploeger hat nicht weggesehen, er hat Missstände benannt." Er suchte das Gespräch mit seinen Kollegen, die Gemeinschaft. "Und wenn die Gemeinschaft trägt, dann schindet die Angst", so Keunecke. "Das fehlt uns heute ein wenig."

Nach einer Gedenkminute kehrte die Versammlung zum Eingang des Friedhofes zurück. Auf dem Weg dorthin ergriff Stadtarchivar und Ploeger-Biograph Dieter Begemann das Wort. Er erinnerte dann doch noch an den Heiko-Ploeger-Preis und kritisierte dessen Abschaffung. Er betonte jedoch, dass er die neue Initiative - eine jährliche, von Schülern an Ploegers Todestag gestaltete Gedenkfeier (dieNW berichtete) - die Erinnerung auch in Zukunft lebendig halten könne. "Wir müssen die jungen Leute heranführen", sagte Begemann. "Und sie sollen selbst erarbeiten, wie ein Gedenken an Heiko Ploeger aussehen kann."

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