Dr. Winfrid Eisenberg.
Dr. Winfrid Eisenberg.

HERFORD Der Arzt, der sich für die Schwachen einsetzt

Zum 75. Geburtstag von Winfrid Eisenberg

VON HARTMUT BRAUN

Herford. Vorletzte Woche diskutierte er auf einem Uran-Kongress in Münster, einige Tage vorher gab er in Braunschweig auf einem Podium Auskunft über Niedrigstrahlung: Dr. Winfrid Eisenberg ist bundesweit unterwegs. Er prangert an, mahnt, streitet, ermutigt – so wie der langjährige Chefarzt der Herforder Kinderklinik es schon so lange tut. Nebenbei feierte er gestern seinen 75. Geburtstag.

Im hessischen Hanau ist er aufgewachsen. Albert Schweitzer war das große Vorbild des aus einer bürgerlichen Familie stammenden asketischen Jungen mit pazifistischer Grundhaltung, der nach dem Medizinstudium erst einmal für dreieinhalb Jahre mit der Familie an ein Urwaldkrankenhaus in Tansania ging. Dort wurde der älteste Sohn geboren.

Diese Zeit sollte ihn fürs Leben prägen und auf Distanz zur sich ausbreitenden saturierten Wohlstandsgesellschaft gehen lassen. Zurück in Deutschland schloss er seine Facharzt-Ausbildung als Pädiater in Bethel ab. Der damalige Chefarzt der Kinderklinik holte ihn als Oberarzt nach Herford, wo der Aufbau der neonatologischen Abteilung (für "Frühchen") zu seinen ersten Aufgaben gehörte.

Dr. Eisenberg erwarb sich rasch fachliche Anerkennung – unzählige Herforder haben ihn als umsichtigen, fürsorglichen Kinderarzt erlebt. So war es keine Frage, dass man ihn in Herford auch als Chefarzt gewinnen wollte. Er blieb, baute die Klinik aus und engagierte sich zugleich politisch, zunächst als Pazifist in der Friedensbewegung.

Doch nicht nur dort: DieSorglosigkeit im Umgang mit der Atomenergie entsetzte ihn, auch was deren damals so genannte "friedliche Nutzung" betraf. Da sah er sich auch in seinem Beruf als Arzt herausgefordert. Als sich friedensbewegte Mediziner in der gesamten westlichen Welt zur Ärzteinitiative IPPNW zusammenschlossen, war er mit dabei. Als die IPPNW sich nach der atomaren Bewaffnung auch den Atomkraftwerken zuwandte, ging er diesen Weg mit – mehr als 30 Jahre bis heute.

Im letzten Frühjahr stand ganz Deutschland im Bann der Katastrophe von Fukushima. Und Winfrid Eisenberg gab von Herford aus an manchen Tagen bis zu 15 Telefoninterviews.

Zwei Jahre vorher war er auf einer USA-Reise in Vermont vielfach als Kritiker von Atomkraftwerken aufgetreten. Viele Jahre vorher war er an spektakulären Aktionen a la Greenpeace in Hamm-Uentrop und auf den Bielefelder Müllöfen beteiligt.

Doch Dr. Eisenberg übernahm auch Verantwortung als Vorsitzender des Herforder Kinderschutzbundes. Er setzte und setzt sich für von Abschiebung bedrohte Flüchtlingsfamilien ein – oft zornig über Paragraphenreiter, nie bequem, immer an der Seite der Schwächeren und am Lebensrecht des Einzelnen orientiert. Herford ehrte ihn dafür mit dem Heiko-Ploeger-Bürgerpreis.

Er ist auch stolzer sechsfacher Großvater, gefragter Tenor in der Marienkantorei, anspruchsvoller Gärtner, lange Zeit begeisterter Hobby-Basketballer.

Der Körper zwingt ihn nun zum sorgsameren Umgang mit der Kraft. Doch Dr. Eisenberg denkt nicht daran, sich ins Private zurück zu ziehen.

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