Dr. Winfrid Eisenberg (r.) und Sigurd Elert diskutieren, während Bärbel Schröder isst und Hermann Wiesing mit dem Fernrohr Ausschau hält.
Dr. Winfrid Eisenberg (r.) und Sigurd Elert diskutieren, während Bärbel Schröder isst und Hermann Wiesing mit dem Fernrohr Ausschau hält.

HERFORD Pfiffig, friedlich, prophetisch

Vor 25 Jahren besetzte der Arbeitskreis "Gegengift" den Kühlturm des Atomkraftwerks Hamm-Uentrop

VON HARTMUT BRANDTMANN

Herford. Bärbel Schröder hat das Schweizer-Messer mit Schraubenzieher noch.Es spielte eine kleine, wichtige Rolle bei der Besetzung des Kühlturms des Atomkraftwerks Hamm-Uentrop. Das war auf den Tag genau vor 25 Jahren.

50 Tage zuvor war das Kernkraftwerk Tschernobyl explodiert. Jetzt musste was geschehen. Der erweiterte Arbeitskreis "Gegengift" wollte ein Zeichen setzen, ein weithin sichtbares: Auf dem 186 Meter hohen Kühlturm des Hochtemperatur-Reaktors sollte eine Riesenwurst aufgerichtet werden mit der Forderung "Stillegen". Das Monstrum ließ sich nicht gänzlich aufrichten. Aber die Anti-AKW-Sonne mit der Faust des Widerstandes leuchtete auf einer Fahne vom Turm.

Diese Geschichte ist nicht Vergangenheit. Durch die Katastrophe von Fukushima ist die Aktion vom Juli 1986 aktuell. "Wir wollten die Verwundbarkeit eines Atomkraftwerks zeigen", sagt Dr. Winfrid Eisenberg bei einen Treffen 25 Jahre danach.

Von den sechs Turmbesteigern sind vier zum Wiedersehen in ein Straßencafé gekommen.Die Stimmung ist heiter wie bei einem Klassentreffen.Jeder erzählt seine Geschichte, setzt seine Schwerpunkte. Doch alle vereint die Aktion: pfiffig, gewaltfrei und - mit Blick nach Japan - prophetisch.

Japan war fern und Tschernobyl nah, als der Arbeitskreis die Aktion plante, "sechs Wochen lang und streng geheim", wie Bärbel Schröder betont.

Der Friedensaktivist Eric Bachman hatte sich als vermeintlicher Foto-Journalist, der für ein Schulbuch recherchiert, durch das Atomkraftwerk führen lassen. Er war in der Steuerwarte und in der Halle mit den sechs Kugelreaktoren. Im Fahrstuhl konnte er fotografieren, wie er bedient wird, ein wichtiges Dokument für die spätere Abschaltung.

Auf krummen Wegen, mit einem Schlauchboot über die sich windende Lippe, näherte sich der Trupp in der Nacht zum 15. Juli dem Objekt. "Damit hatte kein Wachmann gerechnet", grient Karsten Otte noch heute. Mit Sack und Pack unter dem Zaun hindurch, und dann kam Bärbel Schröders Schraubenzieher zum Einsatz. Der Schaltkasten für den Lift wurde geöffnet, manipuliert und wieder geschlossen. Das geknackte Schloss ersetzten die Eindringlinge durch ein Mitgebrachtes und versiegelten es mit Schnellkleber. Hermann Wiesing und Karsten Otto fühlten sich stark genug, die 1.000 Stufen-Treppe zu nehmen. Der Rest nahm den Lift.
Mit der geöffnet verkeilten Tür war er blockiert. Die Ausstiegsluke wurde mit einer Spanplatte aus dem Baumarkt geschlossen. Die Aktivisten hatten sie schwarz angestrichen. So wirkte sie wie Stahl. Das meinten auch die beiden VEW-Kundschafter, die die Kraftwerksbetreiber die Treppe hochgeschickt hatten. "Uneinnehmbar", meldeten sie der Werksleitung. Hubschrauber kreisten über dem Turm, Polizisten fuhren Streife. Der WDR sendete, die NW berichtete. Die Botschaft war verbreitet, auch weil Freunde und Sympathisanten in der PR-Bodenstation gute Arbeit geleistet hatten.

Die einzige Panne betraf die Kunststoff-Wurst. Der Arbeitskreis hatte sie in Eschwege beschafft - bei einem Hersteller, der auch den Verpackungskünstler Cristo beliefert hatte. Die Wurst war formschön aber innen nicht stabil genug, um 15 Meter hoch zu wachsen. Dabei hatten sich die sechs Aktivisten redlich geplagt.

Jeder musste reihum 100 Mal auf die Doppelhub-Kolbenpumpe treten. Die Forderung "Stillegen" war nicht gänzlich zu lesen. "Egal, Hauptsache wir haben unser Ziel erreicht", stellt Dr. Eisenberg fest: Am 1. September 1989 wurde der Atomkraftwerk an der A2 still gelegt, zwei Jahre später wurde der Kühlturm gesprengt.

Was aus ihnen geworden ist

Der US-Amerikaner Eric Bachman ist weiterhin Friedensarbeiter und Aktivist gegen Atomkraftwerke. Erlebt in Vermont in der Nähe des AKW "Vermont Yankee", der gleiche Typ, der in Fukushima geschmolzen ist. "Wir sind froh darüber, dass Deutschland mit dem Ausstiegsbeschluss ein deutliches Zeichen gesetzt hat", schreibt er.

Hermann Wiesing arbeitet als Landschaftsplaner in Brandenburg. "Jetzt kann Deutschland als erstes Industrieland mit seiner Ingenieurskunst ,Made in Germany’ Weltmarktführer für erneuerbare Energie werden. Ein in weiten Bereichen verkrustetes Land braucht auch frischen Wind, neue Ziele und Herausforderungen, um lebendig zu bleiben." In Brandenburg komme bereits 58 Prozent der Versorgung aus alternativen Energien, "und jetzt geht es erst richtig los".
Karsten Otto ist Obstbauer und Sprecher der OWL-Umweltverbände.

Bärbel Schröder leitet eine Jugendhilfe-Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt.

Sigurd Elert lebt in Höxter und ist dort in einem Kanu-Verleih beschäftigt. Im Winter führt er Touristen in der Dominikanischen Republik "auf die Spuren der Seeräuber".

Dr. Winfrid Eisenberg ist in der Organisation IPPNW, Ärzte gegen den Atomtod, aktiv. Vier Jahre lang war er der Bundessprecher. Als er den Kühlturm bestieg, war er Chefarzt der Kinderklinik im Kreiskrankenhaus. Als Beamter war er in den Verdacht geraten, ein "Dienstvergehen" begangen zu haben. Dann aber teilte ihm der damalige Oberkreisdirektor Henning Kreibohm mit: Nach den Vorermittlungen sei nicht vorgesehen, Disziplinarmaßnahmen gegen ihn zu verhängen. Das Verfahren sei eingestellt. Diesen Brief hat Eisenberg ebenso aufbewahrt, wie die vielen Solidaritätsanzeigen. Auch viele Ärzte erklärten sich solidarisch.

Ein Prozess wurden dennoch eröffnet gegen die sechs Turmbesteiger. Ihnen wurden Hausfriedensbruch, Nötigung und Sachbeschädigung zur Last gelegt. Zwei Tage lang, 19. und 21. Oktober 1987, dauerte die Verhandlung vor dem Amtsgericht Hamm. Die Angeklagten hielten ihre Verteidigungsreden aus unterschiedlichen Sichtweisen. Das Urteil war ein Bußgeld in Höhe 3.600 Mark, zu zahlen an den BUND. Viel von dem Geld kam zusammen bei der Versteigerung der Werkzeuge im autonomen Jugendzentrum Fla Fla.

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