HIDDENHAUSEN Pazifismus auf dem Kühlturm

Tschernobyl-Jahrestag: Bärbel Schröder und Karsten Otte erinnern sich an Ostermärsche und Umweltkampf

VON THOMAS DOHNA
Es gibt Gaddafis: Karsten Otte.
Es gibt Gaddafis: Karsten Otte.

Hiddenhausen. Monatelang lagen die Aktivisten im Gras und beobachteten das Kraftwerk. Anlass war die Explosion des Atomkraftwerks in Tschernobyl heute vor 25 Jahren. Genauso lange diskutierten sie, ob die Aktion auch gegen den verbalen Widerstand eines Wachmannes fortgesetzt werden darf oder ob das schon Gewalt ist. Für die einen war das so. Sie kamen wie Bärbel Schröder aus der pazifistischen Ostermarschbewegung. Für die anderen war das denkbar. Zu ihnen gehörte Karsten Otte mit seinen Erfahrungen aus Afrika.

"Der Pazifismus der Ostermärsche ist nichts für mich", sagt Otte. Der Obstbauer war als junger Mann viele Monate in Afrika unterwegs und geriet er in einen Bürgerkrieg in Uganda. Die dort erlebten Nöte und Ängste und Bedrohungen der Bevölkerung lassen ihn sagen: "Wir haben nun einmal die Gaddafis und Milosevics auf der Welt." Otte hat gleich nach dem Wehrdienst den Kriegsdienst verweigert: "Beim Bund wird man zum Töten ausgebildet." Der sonst so sprudelnde 51-Jährige wird bei diesem Thema still. Es kämpft offensichtlich in ihm.

Ähnlich ging es Bärbel Schröder vor einigen Jahren. Sie kommt aus dem Odenwald und studierte in Heidelberg. Ihre Mutter stammt aus einer jüdischen Familie, ihr Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Sie redeten viel über den Krieg. "Das hat mich total politisiert", sagt Schröder. Im Odenwald kämpften die Menschen mit Luftballons und Frisbee-Scheiben gegen die amerikanischen Tiefflieger. In Heidelberg schloss sie sich der linken Szene an, bekam aus politischen Gründen Berufsverbot und hatte 1977 ein vierjähriges Kind, das wegen der vielen Hausdurchsuchungen Angst vor Polizisten hatte.

Dieses Kind ging später als Berufssoldat zur Bundeswehr. Eine Zeit schwerer Konflikte folgte - auch mit politischen Freunden, als Schröder am Lippinghauser Friedenskotten die Uniformen ihres Sohnes zum Trocknen an die Leine hing.

Im Kreis Herford konnte Schröder arbeiten. Die politische Szene war hier nicht so aktiv, in Bielefeld gab es Ostermärsche. Es gab die Rote-Punkt-Aktion, ein Protest gegen gestiegene Preise für Busfahrten. Es gab den Arbeitskreis Gegengift. Dessen erste große Aktion war 1984 die Besetzung des Schornsteins der Müllverbrennungsanlage in Bielefeld. "Da kam damals alles noch ungefiltert raus", sagt Karsten Otte. Es ging um die lebensgefährlichen Dioxine.

Otte war mit einem Mitstreiter bis wenige Meter unter die Mündung der Schlote aufgestiegen, geschützt durch Gasmasken. Sie hängten ein Banner auf und wiesen auf die Gefahren hin. Heute werden die Abgase gefiltert.

Die spektakulärste Aktion war die Besetzung des Kühlturmes des Kernkraftwerks Hamm-Uentrop. Anlass war die Kernschmelze in Tschernobyl und die Freisetzung radioaktiver Gase in Hamm. Otte, Schröder, der Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Winfrid Eisenberg und andere hatten die Aktion vorbereitet. Ein Reporter nannte während eines Telefonates mit den Aktivisten den Beginn der Aktion. Sie beobachteten das Kraftwerk: Polizei zog auf. "Wir waren offensichtlich abgehört worden", sagt Otte. Die Aktion wurde verschoben.

In einer Nacht im Juli 1986 paddelten sie mit 300 Kilo Ausrüstung auf der Lippe zum Kraftwerk. Sie schnitten ein Loch in den Zaun. Zwei stiegen zu Fuß auf den Kühlturm, die anderen fuhren mit dem Fahrstuhl. Das Messer, mit dessen Hilfe sie das Schloss des Liftes überwanden, hat Schröder noch. Oben blockierten sie den Fahrstuhl und bauten eine dicke Holzplatte über die Leiter. Sie hissten eine Fahne und bliesen einen Schlauch mit der Aufschrift "Abschalten" auf. Drei Tage blieben sie. Dann verließen sie den Kühlturm. Ein Strafverfahren folgte. Der Richter verurteilte sie zu 800 Mark Geldstrafe. "Die kamen bei einer Sammlung im Fla innerhalb von zehn Minuten zusammen", erinnert sich Otte.

"Das Ganze war eine absolut gewaltfreie Aktion", sagt der Obstbauer. Körperliche Gewalt gegen Wachmänner oder Polizisten habe es ohnehin nie geben sollen. Aber auch der verbale Widerstand eines Wachmannes habe nicht gebrochen werden sollen. Hier hatten sich die Pazifisten der Ostermarschbewegung durchgesetzt. Dazu steht Bärbel Schröder noch heute. Aber "Angesichts der Ereignisse in Libyen bin ich ganz durcheinander gewirbelt", sagt sie.

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