Pralle Weiblichkeit, obskure Technik

Kunstverein zeigt Plakate von Niki de Saint Phalle & Jean Tinguely

LOTHAR NENZ

Die Künstlerin ist für ihre oppulenten Frauen-Figuren bekannt - © FRANK-MICHAEL KIEL-STEINKAMP
Die Künstlerin ist für ihre oppulenten Frauen-Figuren bekannt | © FRANK-MICHAEL KIEL-STEINKAMP
Sie gehören zu den bekannten Künstler-Paaren des letzten Drittels des vergangenen Jahrhunderts: Niki de Saint Phalle (1930-2002) aus französischem Uradel und der Schweizer Jean Tinguely (1925-1991). Dem Duo hat der Herforder Kunstverein die Ausstellung "Posters" gewidmet.

Madame de Saint Phalle errang Weltruhm mit ihren farbigen, drallen Frauenfiguren, den "Nanas". Er etablierte sich in der internationalen Kulturszene mit obskuren mobilen Konstruktionen und gilt heute als bedeutender Vertreter der kinetischen Kunst.

Aber nicht das dreidimensionale Lebenswerk der Beiden steht in Herford zur Diskussion, sondern das grafische Œuvre des Duos, das zwar eine paar Jahre miteinander verheiratet war, aber partout nicht als Paar von der Um- und Kunstwelt wahrgenommen werden wollte.

Für ein paar gemeinsame Aktivitäten erarbeiteten Niki & Jean gemeinschaftlich großformatige Werbeträger, ansonsten aber ging jeder seinen eigenen kreativen Weg, wie die Plakat-Schau belegt. Sie wurde von Hamburgs Kunst- und Gewerbe-Museum und dem Sammler Claus von der Osten zur Verfügung gestellt.

Völlig untypisch eröffnet Madame ihre Poster-Serie mit einem Drachen, mit dem sie 1964 für ihre Ausstellung in der Londoner Hanover-Galery Reklame machte. Bereits ein Jahr später trommeln Nanas für ihre Pariser Präsentation.

Da kannten sich die Französin und der Schweizer bereits. Gemeinsam sorgten sie 1966 weltweit mit der begehbaren Nana "Hon" in Stockholm für Furore. Das Plakat mit dem zergliederten Innenleben ist ebenso zu sehen wie die Werbung für den französischen Pavillon während der Weltausstellung 1968 in Montreal. Auf dessen Dach agierten Nanas und Nonsensmaschinen um die Wette.

Eher nüchtern - fast spartanisch - hatte Jean Tinguelys Plakat-Gestaltung begonnen, die sich zunächst auf die Widergabe von technischen Zeichnungen in schwarz-weiß beschränkte. Unter dem Einfluss Niki de Saint Phalles reicherte der Schweizer seine Werbeaussagen durch bildhafte Akzente und vor allem Farbe an.

Ab den frühen 70er Jahren waren Niki & Jean der internationale Tip für individuelles Plakat-Design. Die Salzburger Festspiele, weltbekannte Museen und Kunsthäuser, Festivals und Filmproduktionen sicherten sich ihr Können und bauten auf ihre/seine Plakatideen, völlig unabhängig davon, ob er oder sie in irgend einer Art und Weise ins künstlerische Konzept der Veranstaltung eingebunden waren.

Und diese Zeugnisse einer bunten, fast überbordenden Fantasie machen den Reiz dieser Ausstellung aus, die - grob gerechnet - eine gestraffte Spiegelung der Kunstrichtungen zwischen 1965 und 2.000 ist.

Die pralle Vielfalt der Motive, der auf den Blättern versammelte Detailreichtum und das spielerisch-heitere Moment, das diesen Zeugnissen künstlerisch gestalteter Werbung innewohnt, macht einen Rundgang durch "Posters" zum Vergnügen.

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