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HERFORD Hoch hinaus bis unter’s Dach

Ein Besuch auf dem Schnürboden im Theaterturm

VON RALF BITTNER
07.08.2010 | Stand 06.08.2010, 19:54 Uhr
Der Weg auf den Schnürboden führt über senkrechte Leitern durch den Bühnenturm. Die Mitarbeiter auf der Bühne scheinen von dort oben winzig klein. - © FOTO: RALF BITTNER
Der Weg auf den Schnürboden führt über senkrechte Leitern durch den Bühnenturm. Die Mitarbeiter auf der Bühne scheinen von dort oben winzig klein. | © FOTO: RALF BITTNER

Herford. Der letzte Vorhang der Spielzeit ist gefallen, die Theaterkasse ist verwaist, doch auf, hinter und vor allem hoch über der Bühne wird auch zwischen den Spielzeiten gearbeitet. Alles wird vom Staub befreit, die technischen Anlagen einer Generalrevision unterzogen. Normalerweise sind diese Bereiche im Theater für die Öffentlichkeit gesperrt, für die Serie "Hinter verschlossenen Türen" gewährte Bühnenmeister Hans-Peter Diekmann exklusive Einblicke.

Boden und Wände des Bühnenraums sind schwarz gestrichen und liegen leer da. Fast alle Technik, die während einer Vorstellung schnell verschwinden muss - von Stoffbahnen als Hintergrund bis zur Windmaschine - kann mit Hilfe so genannter "Züge" über die Bühne angehoben werden.

Herz des Ganzen ist der Schnürboden hoch oben im Bühnenturm. Der Boden, ein Metallgitter, durch den weit unten die ameisengroßen Bühnentechniker bei ihrer Arbeit zu sehen sind, ist in Herford etwa 17 Meter über dem Bühnenboden.

Der Schnürboden selbst hat etwas mehr als Stehhöhe. Ein Gewirr von Stahlseilen, die über Umlenkrollen geführt werden, setzt unten die Bühnenelemente in Bewegung. Prospektzüge heißen die Züge, wie sie in Herford verwendet werden, bei denen Panoramen, die fast die gesamte Bühnenbreite einnehmen können, an so genannten Zugstangen aufgehängt sind.

Über Rollen laufen die Seile nach unten, wo sie mit Nummern gekennzeichnet sind, damit die Bühnenmeister den Überblick behalten. Es gibt Theater, wo die Züge mit Motorkraft bedient werden. In Herford ist noch Muskelkraft gefragt, um Kulissenteile, Vorhänge oder Prospekte nach oben in Richtung des Schnürbodens zu ziehen. Gegengewichte an den Enden unterstützen die Arbeiter. Die Tauenden, an denen die Bühnenarbeiter ziehen, sind Hanfseile, die mit einer speziellen Klemmvorrichtung festgemacht werden.

Nicht zufällig erinnert das an die so genannte Nagelbank wie sie heute noch auf Traditionsseglern zu finden ist und wo die Leinen der verschiedenen Segel befestigt werden. Der Begriff des Schnürbodens stammt tatsächlich aus der Seefahrt und bezeichnet dort eine große Holzarbeitsfläche, auf der die Segel und Segelteile ausgebreitet und befestigt werden können. Bis vor etwa 15 Jahren war der Schnürboden des Stadttheaters auch noch mit Holz statt Stahlgitterrosten beplankt.

Mehrmals täglich müssen die Fachkräfte für Veranstaltungstechnik nach oben. Der Zugang erfolgt dabei ausschließlich über Leitern. Ein Wartungssteg und ein weiterer Steg, über den die Lichtbrücke zu erreichen ist, bietet Gelegenheit zum Verschnaufen. "Wer unseren Beruf erlernen will, muss auch schwindelfrei sein", sagt Christian Schirmer, bis 2006 Auszubildender im Haus an der Mindener Straße und nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich Veranstaltungstechnik, unter anderem im GOP-Varieté, wieder am Theater, aber "man gewöhnt sich dran." Recht hat er, aber es dauert.

Plötzlich setzt sich die Mechanik in Bewegung. Ein Rad dreht sich und schlägt bei jeder Umdrehung eine Glocke an. Das "Ping" zeigt an, dass sich der schwere eiserne Vorhang schließt, der den Bühnenturm vom Zuschauerraum abtrennt. Der "Eiserne" soll den Besuchern im Brandfall die Flucht ermöglichen. Die Glocke warnt vor dem Vorhang selbst, der schwer genug ist, Menschen zu verletzen. Als weitere Sicherheitsvorrichtung lässt sich ein Teil der Dachfläche öffnen. "So soll der Rauch abziehen", erklärt Diekmann. Bei den Probeläufen genießt das Theater-Team manchmal auch ganz einfach von dort aus den Blick aufs Stadtpanorama. Diekmann hat dafür gerade keinen Blick, sondern blickt kritisch auf ein Rohr, das unter dem Gitterboden verläuft. Obwohl hier oben seit 14 Tagen geputzt wird, liegt dort noch Staub. "Komisch, dass wir jedes Jahr Probleme haben, jemanden zu finden, der dort putzt." Trotzdem bekommt das Theater regelmäßig Bestnoten in Sachen Sauberkeit und Sicherheit.

www.theater.herford.de

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