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HERFORD/BIELEFELD Anwalt auf der Anklagebank

Prozess um illegalen Herforder Spielclub

VON PETER JOHNSEN
26.03.2010 | Stand 25.03.2010, 20:10 Uhr
Der Anwalt.
Der Anwalt.

Herford/Bielefeld. Vor nicht allzu langer Zeit trug er noch selbst die schwarze Anwaltsrobe, trat vor Gericht in zum Teil hochkarätigen Verfahren als Strafverteidiger auf. Doch dann folgte der Absturz, der gestern seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht haben dürfte: Der ehemalige Rechtsanwalt Michael T. (50) aus Detmold wurde aus der Untersuchungshaft vorgeführt und musste in Saal 20 des Bielefelder Landgerichts selbst auf der Anklagebank Platz nehmen.

Die teilt er mit dem 38-jährigen Cengiz U. aus Melle, der seinen Beruf mit "Arbeiter" angab, aber an der Salzufler Straße in Herford einen illegalen Spielclub betrieben haben soll. Dieser Pokerclub steht im Mittelpunkt des Verfahrens gegen Michael T. und Cengiz U., denen die von Staatsanwältin Sabine Schröder verfasste Anklage gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraub (Mindeststrafe: Fünf Jahre Haft) und versuchte schwere räuberische Erpressung vorwirft. Der Sachverhalt, um den es geht, liest sich wie ein schlechter Kriminalroman:

Im Spätsommer 2009 lernte Cengiz U. das spätere Opfer, den hochgradig spielsüchtigen Michael B. (37) kennen. Der gab sich als wohlhabend aus, behauptete, aus einem Immobilienverkauf 500.000 Euro zu erwarten. Es gelang B., von Cengiz U. mehrere Darlehen über insgesamt 10.600 Euro zu erschleichen. Als die Rückzahlung ausblieb, schaltete U. seinen Anwalt Michael T. ein.

Eine Weile gelang es Michael B., seinen Gläubiger mit Ausflüchten hinzuhalten. Doch am 11. Oktober verloren die Angeklagten die Geduld. Sie beorderten B. in den Spielclub, wo ihn der Anwalt mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt haben soll. Cengiz U. soll dem Schuldner eine großkalibrige Pistole an den Kopf gehalten haben, eine Scheinhinrichtung soll inszeniert und B. immer wieder mit dem Tod bedroht worden sein.

Erst nach Stunden löste sich die Situation auf, als die Lebensgefährtin B.s auf der Suche nach ihm seinen Pkw vor dem Club entdeckte und dort auftauchte. Nun blieb den Angeklagten nichts anderes übrig, als den Gekidnappten gehen zu lassen. Allen Drohungen zum Trotz vertraute sich Michael B. noch am selben Abend der Polizei in Bielefeld an.

Die Anklage gegen Cengiz U. enthält zusätzlich den Vorwurf des Betreibens von illegalen Glückspielen, die gegen Michael T. den der Geldfälschung. Bei der Hausdurchsuchung wurden in Wohnung und Kanzlei des Anwalts gefälschte 100 und 20-Euro-Scheine gefunden.

Zu Beginn des mehrtägigen Prozesses erklärten die Verteidiger Martin Lindemann und Mario Prigge (U.) sowie Dirk Hillebrand (T.), dass sich ihre Mandanten vorläufig nicht zur Sache äußern werden. Der Prozess wird am 6. April fortgesetzt.

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