0
Michael Baldzuhn erzählte den ehemaligen Friederizianern von der Bedeutung der Schulbibliothek.
Michael Baldzuhn erzählte den ehemaligen Friederizianern von der Bedeutung der Schulbibliothek.

Herford Wo ein unbekannter Schatz liegt

Ehemalige des Friedrichs-Gymnasiums erfahren Neues über die alten Buchbestände der Schule

Herford
02.02.2010 | Stand 02.02.2010, 03:36 Uhr

Herford. Es handelt sich um eine der bedeutendsten Schenkungen an die Stadt. Allerdings war sie an eine Bedingung geknüpft: "Wir erwarten dabei, dass die Stadt die Bücherei nicht verfallen lässt, sondern dass sie mit allem Fleiße darauf achtet, dass sie erhalten und verbessert wird; und es sollen die Prediger und Schulmeister einen Schlüssel für die Bibliothek haben und die Schüler von ihr fernhalten, damit die Bücher unversehrt bleiben und sich kein Unrat in der Bibliothek sammelt."

Dieses verfügten die letzten Herforder Augustinermönche im Jahre 1540, als sie ihre ehrwürdige Lateinschule – das heutige Friedrichs-Gymnasium – und die dazu gehörende Schulbibliothek in die Obhut der Stadt gaben. Privatdozent Michael Baldzuhn zitierte beim Ehemaligen-Treff des Friedrichs-Gymnasiums die Verfügung der Mönche, als er die Geschichte der Bibliothek und ihre Bedeutung für die Stadt Herford erläuterte.

Privatdozent Baldzuhn, der in Herford wohnt, an der Universität Hamburg lehrt und Fachmann für das Mittelalter ist, war durch einen Zufall auf die Bibliothek aufmerksam geworden. Sein Sohn hatte im Deutschunterricht die Bibliothek besucht und davon seinem Vater erzählt. Daraufhin hatte Baldzuhn den Bücherbestand genauer untersucht. Das Ergebnis war so interessant, dass er seine Studenten mitbrachte, die sich mit der Geschichte der Bibliothek und der dazu vorhandenen Literatur auseinandersetzten.

Den Friederizianern schilderte er, dass die Bibliothek heute einen Gesamtbestand von etwa 10.000 Bänden hat. Davon gehören etwa 4.500 zum historischen Bestand, rund 700 Bände sind vor 1800 erschienen. Hierzu gehören fünf Inkunabeln, also Buchdrucke, die vor 1500 erschienen, weitere 102 Bände aus dem 16. Jahrhundert, 154 aus dem 17. Jahrhundert und 438 aus dem 18. Jahrhundert.

Baldzuhn zufolge kam die Stadt lange Zeit ihrer Unterhaltungspflicht nur mangelhaft nach. Baldzuhn: "Die Jahre bis etwa 1700 waren dunkle Jahrhunderte für die Bücherei: viele Bücher kamen abhanden, andere kamen hinzu, ohne dass die Entnahmen oder Neuerwerbe im Einzelnen nachvollziehbar sind." Erst seit 1736 gab es Katalogisierungen sowie mehrere Publikationen über die Bibliotheksgeschichte.

Baldzuhn ging ausführlich auf die Frage nach dem Wert der Bibliothek für uns heute ein. Nach dem unschätzbar wertvollen Archiv der Stadt Herford sei die Schulbibliothek des Gymnasiums die älteste und wichtigste Sammlung in Herford, erklärte er. Als Teil der Geschichte von Schule, Stadt und Region ermögliche sie vielfältige Untersuchungen. An ihr lasse sich ablesen, welche Bücher die Lehrer im Laufe der Zeit in der Hand hatten und welche Bücher die Schüler erhielten; die Benutzungsspuren und Anmerkungen in Büchern geben Aufschluss über Meinungen und Wissenstand der Leser. Darüber hinaus spiegeln die Bücher die Geschichte von Stadt und Region. In vielen Titeln des Altbestandes vor 1736 finden sich interessante Besitzeintragungen von Vorbesitzern. Die Bedeutung der Bibliothek liege also darin, dass sie Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt sei. Baldzuhn: "Die Bibliothek des Friedrichs-Gymnasiums ist ein Knotenpunkt der regionalen Bibliotheksgeschichte."

Henning Kreibohm, Vorsitzender der Ehemaligenvereinigung, der im Schützenhof zahlreiche ehemalige Friederizianer begrüßte und zum Abiturjahrgang 1963 gehörte, erinnerte sich daran, dass in den 50er Jahren Lehrer und Schüler mit einer Bestandserfassung der Bibliothek beauftragt waren. Beim Blick auf die Jahrhunderte alten Folianten habe er eine Ahnung von der Bedeutung dieser Sammlung bekommen, sagte er.

Der konservatorische Erhalt der Bücher ist, so Baldzuhn, vorläufig gesichert, seit Investitionen vor 10 Jahren die notwendige Belüftung sicherstellten. Die Bibliothek ist an das deutsche System der Fernausleihen angeschlossen, so dass grundsätzlich auch eine Nutzung des Bestandes möglich ist. Praktisch hängt der Zugang jedoch von der Hilfe durch die Schule sowie von Dagmar Kaufhold-Brackhane ab, die seit Jahren ehrenamtlich die Bibliothek pflegt.