Herford Von zarter Liebe und realem Schmerz

Herforder Kunstverein präsentiert hochkarätige Chagall-Ausstellung im Pöppelmann-Haus

VON LOTHAR NENZ
NW-Praktikantin Svenja Niehaus ist vom "Dionysis-Altar" des Daphnis und Chloé-Zyklus fasziniert. - © FOTO: KIEL-STEINKAMP
NW-Praktikantin Svenja Niehaus ist vom "Dionysis-Altar" des Daphnis und Chloé-Zyklus fasziniert. | © FOTO: KIEL-STEINKAMP

Herford. Mitten im eisigen Januar veranstaltet der Kunstverein einen farbenfrohen Ausflug in die mediterrane Welt der griechischen Antike. Treff dazu ist das Pöppelmann-Haus am Deichtorwall. Ein bisschen Zeit sollte man einplanen, denn die Herforder Kunstfreunde zeigen nicht nur Marc Chagalls weltbekannten Litho-Zyklus "Daphnis und Chloé".

Die altgriechische Sage, wahrscheinlich im dritten Jahrhundert vom griechischen Dichter Longus auf der Insel Lesbos aufgeschrieben, schildert die Liebe zweier ausgesetzter Kinder, die von Hirten groß gezogen wurden. Der griechisch-französische Verleger Tériade hatte Chagall Anfang der 50er Jahre vorgeschlagen, den antiken Liebesroman zu illustrieren.

Chagall informierte sich an den Handlungsschauplätzen über Natur und Stimmung und erarbeitete, da er sich mittlerweile mit der Technik des Steindrucks vertraut gemacht hatte, die 42 Motive für diesen Zyklus. Für die Umsetzung der Themen, die er in einer ungeheuer farbigen Differenzierung angelegt hatte, benötigte der Künstler mehr als 1.000 Druckplatten.

Dieser Aufwand ist an den 16 Doppel- und 26 Einzelseiten abzulesen, die in ihrer beeindruckenden Farbbrillanz mit dem Detailreichtum der bildhaften Wiedergabe wetteifern.
Daneben präsentiert der Kunstverein 24 Farbholzschnitte von der Hand Chagalls, mit denen er seine "Poèmes" 1964 bebildert hat. Diese auf seiner Vita basierenden Gedichte hat er in den Jahren 1930 bis 1964 verfasst. In ihnen sind Erfahrungen in Paris, das Leben im amerikanischen Exil, der Tod seiner Frau Bella, Rückkehr nach Frankreich und die neue Liebe zu seiner zweiten Frau Vava thematisiert.

Auch diese "Poèmes"zeugen vom beeindruckenden bildnerischen Können des Malers und Graphikers. Der vereint in seiner Bilderwelt Erinnerungen an seine Heimat im weißrussischen Liosno bei Witebsk , in denen er den Alltag der Menschen im Ostjudentum mit natürlicher Farbigkeit schildert, allerdings traumhaft verdichtet.
In dieser Darstellungsweise, in der es weder Perspektive noch Schwerkraft zu geben scheint, erweitert Chagall sein Repertoire durch Figuren der griechischen Mythologie, der Bibel, der christlichen Heilsgeschichte sowie der der kompletten Besatzung der Arche Noah. Dabei geht er mit der Form völlig unbekümmert, fast kindhaft um. Diese Vereinfachung hat den Vorteil, dass die Bildelemente problemlos zu entschlüsseln sind, wenn sich auch dem Betrachter die gewünschte Interpretation erst durch den Titel erschließt.

Bis 21. März ist die Chagall-Schau im Pöppelmann-Haus zu sehen. Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr. Ab dem 25. Januar gibt es an den Sonntagen um 15 Uhr kostenlose Führungen.

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