Der Fall eines 33-Jährigen wurde am Freitag vor dem Amtsgericht Herford verhandelt. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Der Fall eines 33-Jährigen wurde am Freitag vor dem Amtsgericht Herford verhandelt. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

NW Plus Logo Herford Fluchtmöglichkeiten aus Psychiatrie sind offenbar schon länger bekannt

Die Ermittlungen zu dem Messerangriff in Enger dauern an. Derweil gibt es weitere Verfahren, die Fragen aufwerfen.

Jobst Lüdeking
Louisa Rabeneick

Herford. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bielefeld zu der Messerattacke in Enger mit einem lebensgefährlich verletzten Mann dauern an. Er war durch einen Patienten der psychiatrischen Klinik verletzt worden. Derweil werden weitere Details zu den Möglichkeiten von Patienten bekannt, dass eigentlich eingezäunte Gelände zu verlassen. Von mindestens zwei immer wieder von Patienten genommenen Wegen ist die Rede.

Beide Fluchtmöglichkeiten sollen seit Jahren bekannt sein – und werden offenbar auch häufiger genutzt. Unter anderem ging es auch am vergangenen Freitag in einem Prozess vor dem Herforder Schöffengericht um einen Mann, der als Patient der Herforder Einrichtung ausbüxte.

Zweistellige Zahl von Anzeigen

„Mir gegenüber hat der Betreuer eines Mandanten von einer Art Drehtüreffekt gesprochen“, erklärt Rechtsanwalt Christian Thüner. Der Herforder Strafverteidiger vertritt den 40-jährigen Herforder in Zusammenhang mit dem Übergriff in Enger. Darüber hinaus hat er drei weitere Mandanten aus den vergangenen zwei Jahren, die auch die Herforder Klinik verlassen konnten, um Straftaten zu begehen. Ein herausragender Fall mit einer zweistelligen Zahl von Strafanzeigen aus einem benachbarten Einkaufsmarkt ist darunter. Auch der Angeklagte (33), der am Freitagmorgen vor Gericht stand, hatte es mehrfach geschafft, das Klinik-Gelände zu verlassen.

Wegen sieben verschiedener Delikte, die er zwischen Mai und August 2021 in Bünde und Löhne begangen haben soll, war der 33-Jährige angeklagt worden. So hatte er laut Anklage Ende Mai im Marktkauf in Bünde Kopfhörer im Wert von rund 37 Euro geklaut. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli brach er in ein Haus in Bünde ein, entwendete Werkzeug, Porzellan und eine Uhr, kam zurück zum Tatort und schlief daraufhin dort bis zum nächsten Tag.

Am 10. Juli versuchte der Bünder, einen Tresor zu knacken – ohne Erfolg. In dem Tresor befanden sich die Schlüssel eines Einsatzfahrzeuges des DRK-Kreisverbandes Herford Land, mit dem er sich laut eigener Aussage suizidieren wollte. Anfang August brach er in eine Garage ein, und versuchte ein Auto zu stehlen – was nicht klappte. Auch der Versuch, einen zweiten Wagen zu stehlen, schlug fehl. Er weckte durch das versehentliche Betätigen der Hupe die Eigentümerin des Autos, die die Polizei rief. Der Schaden 5.000 Euro. Schließlich beleidigte er in der JVA Bielefeld-Brackwede einen Justizvollzugsbeamten als „Nazi-Arschloch“. Vor Gericht begründete er dies damit, dass er dachte, ein dritter Weltkrieg sei ausgebrochen und er würde von „Nazis“ festgehalten werden.

Vier Monate Haft für Kopfhörer-Diebstahl

Der 33-Jährige gab vor Gericht seine Taten zu. Er habe unter dem Einfluss von Amphetaminen gestanden und könne sich nicht an alles erinnern. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte dem opiaddem - und amphetaminabhängigen Bünder Schizophrenie, eine dissoziale Persönlichkeitsstörung und eine Psychose. Die Staatsanwaltschaft beantragte daraufhin Freispruch für sechs der sieben Anklagepunkte. Lediglich bei dem Kopfhörerdiebstahl sei der Angeklagte voll schuldfähig. Zeugenaussagen beschrieben ihn dort nämlich als nicht aggressiv und klar. Für diesen einfachen Diebstahl forderte die Staatsanwaltschaft vier Monate Haft ohne Bewährung, da er keine positive Sozialprognose habe - der Bünder war seit 2003 bereits 25 Mal strafrechtlich in Erscheinung getreten und brach bisher alle Therapieversuche ab.

Momentan verbüßt er eine Ersatzfreiheitsstrafe. Das Schöffengericht kam den Forderungen der Staatsanwaltschaft nach. Zudem warnte das Gericht, sollte sich der Angeklagte Ähnliches nochmals zuschulden kommen lassen, drohe ihm die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Einrichtung.

Wie Strafverteidiger Thüner betont, hoffe er auf Schritte der Klinik, um das Entweichen der Patienten zu verhindern, "damit sich ein so trauriger Fall wie der in Enger nicht wiederholt". Wie berichtet, war der 40-Jährige bereits einen Tag, nach dem er per Gerichtsbeschluss eingewiesen worden war, entwischt.

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