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Halten Ausschau: Klaus Nottmeyer und Karsten Otte im Füllenbruch. - © Kristine Greßhöner
Halten Ausschau: Klaus Nottmeyer und Karsten Otte im Füllenbruch. | © Kristine Greßhöner

Kreis Herford Diese Vögel drohen im Kreis Herford auszusterben

Nach dem Insektensterben sind auch heimische Feldvögel vom Aussterben bedroht. Wissenschaftler und Tierschützer setzen auf ein Umdenken - nicht nur bei den Landwirten.

J. Horstmann
03.12.2019 | Stand 03.12.2019, 08:58 Uhr

Kreis Herford/Bielefeld. Vom Verschwinden der Insekten ist in jüngster Vergangenheit mehrfach gesprochen worden. Aber nicht nur Schmetterlinge und Bienen droht das Aussterben in zahlreichen Regionen, auch bei den Feldvögeln und anderen Tierarten sind massive Abnahmen der Populationen zu beobachten. Auf Initiative von Verhaltensforschern der Universität Bielefeld wenden sich daher jetzt sechs wissenschaftliche Gesellschaften mit mehr als 2.500 Mitgliedern an EU-Politiker. Sie fordern diese zur Reform der gemeinsamen Agrarpolitik auf. Der Bielefelder Verhaltensforscher und Ornithologe Nayden Chakarov gehört zu den Wissenschaftlern aus Europa, die Alarm schlagen. Der Biologe fürchtet „einen Kollaps des gesamten Ökosystems“, wie er sagt, wenn nicht bald umgesteuert werde. Als Ursache für das Artensterben auf dem Boden und vor allem am Himmel sind insbesondere Monokulturen ausgemacht. Wo Raps, Mais oder sogenannte Supergräser, also extrem schnell wachsende Gräser, auf großen Flächen angebaut und geerntet werden, „kann nicht mal eine Nacktschnecke überleben“, sagt Chakarov. Diese von der Europäischen Union geförderte, einseitige Bewirtschaftung von Feldern in ganz Europa zerstört den Lebensraum der Tiere. Rückgang der Arten vollzieht sich in galoppierendem Tempo Wie dramatisch die Lage im Kreis Herford ist, beobachtet Klaus Nottmeyer von der Biologischen Station Ravensberg ganz genau. „Der Rückgang vieler Arten vollzieht sich landesweit in galoppierendem Tempo“, sagt Nottmeyer. In NRW seien 2014 noch 12.000 Kiebitze gezählt worden, aktuelle Zählungen gehen von 5.000 Tieren aus. „Im Kreis Herford gibt es inzwischen weniger als 30 Kiebitz-Paare“, sagt der Vogelexperte. Die Tierschützer kümmerten sich zwar „um jedes Ei“, dennoch sei die Art am Rande des Aussterbens. „Das ist schon dramatisch. Wenn wir nichts tun, ist der Kiebitz hier in fünf bis zehn Jahren verschwunden.“ Das bestätigt genau das, was auch Wissenschaftler Chakarov von der Universität Bielefeld sagt. Bei Feldvögeln handele es sich um vorwiegend Bodenbrüter, die sich auf Grünland am wohlsten fühlen. Das allerdings sei im Kreisgebiet in der Vergangenheit viel zu oft umgewandelt worden, in „Ackerfläche oder Aldi-Parkplätze“, sagt Nottmeyer. "Bei der Geschwindigkeit kommt kein Vogel mehr mit" Während die Betonflächen zum Brüten von vornherein ausscheiden, mache den Vögeln auf den übrigen Flächen die immer leistungsstärkere Landwirtschaft den Garaus: Weiden würden viel häufiger gemäht als früher, weshalb es die für die Aufzucht von Jungen benötigte Ruhephase nicht mehr gebe. »Da kommt kein Vogel mehr mit« Nottmeyer: „Es kommt kein Vogel mehr mit, wenn die Weiden vier oder fünf Mal im Jahr gemäht werden.“ Doch auch zu hoch stehende Pflanzen sind nicht gut für die Vögel, weshalb auch die Umstellung auf Wintergetreide den Tieren zu schaffen mache. Während Sommergetreide erst im Frühjahr gesät werde, würde das Wintergetreide jetzt bereits ausgebracht, wodurch im Frühling zur besten Brutzeit die Halme schon hoch auf den Äckern stehen. „Die Feldlerchen mögen diese hohe Vegetation nicht“, erläutert Klaus Nottmeyer. „Das ist für die Vögel so, als ob man mit einem Hubschrauber in einer Fichtenschonung landen würde – also praktisch unmöglich.“ "Das hätte ich vor zehn Jahren noch für undenkbar gehalten" Die Veränderungen hätten hier zur Folge, dass es im Kreis Herford nur noch 250 Feldlerchenpaare gebe. „Wir haben hier inzwischen mehr Mäusebussarde als Feldlerchen“, sagt Klaus Nottmeyer. „Das hätte ich vor zehn Jahren noch für undenkbar gehalten.“ Friedhelm Diebrok vom NABU-Kreisverband Herford warnt ebenfalls davor, der dramatischen Entwicklung tatenlos zuzuschauen. „Wenn es erst einmal zu spät ist, wäre es ein gewaltiger Aufwand, solche Tierarten wieder zurückzubringen.“ Für ihn liegt die Lösung auf der Hand: „Wir brauchen eine neue Landwirtschaft“, so Diebrok. Klaus Nottmeyer stimmt dem zu, nimmt die Landwirte aber ausdrücklich in Schutz. Die Zusammenarbeit zwischen den Tierschützern und den Landwirten sei äußerst gut, die meisten hätten die Probleme durchaus erkannt und würden mit „Feldvogelinseln“ auf ihren Äckern oder mit Blühstreifen an deren Rändern selbst Maßnahmen zum Artenschutz ergreifen. „Das Problem ist aber, dass der einzelne Landwirt fast nichts ändern kann“, sagt Klaus Nottmeyer, der den Ball vom Kreis Herford nach Brüssel spielt: „Das kann nur die Europäische Union.“ Hauptübel ist die verfehlte Förderung Dieser Ansicht sind auch die Wissenschaftler um den Bielefelder Forscher Nayden Chakarov. Deren offener Brief ging unter anderem an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die EU-Kommissare und EU-Abgeordneten sowie den Ausschuss für Landwirtschaft. Denn das Hauptübel, so die Initiatoren, sei die verfehlte Förderung der Europäischen Union zugunsten von Monokulturen und einer erhöhten Intensität der Landwirtschaft. Außerdem weißt Chakarov darauf hin, dass die Landwirtschaft in ihrer heutigen Art neben den fossilen Brennstoffen eine gewichtige Rolle beim Klimawandel spiele. Wenn nicht rasch umgesteuert werde hin zu einer ökologischen Bewirtschaftung der Felder mit deutlich größeren Blühstreifen und Ruhephasen, warnen die Verfasser, dann führe das Artensterben sehr bald zu einem „stillen Frühling“.

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