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Laut und populistisch: Als Ort, an dem gerne mal unreflektierte Positionen lautstark vertreten werden, gilt der Stammtisch. - © Wiki Commons
Laut und populistisch: Als Ort, an dem gerne mal unreflektierte Positionen lautstark vertreten werden, gilt der Stammtisch. | © Wiki Commons

Herford Workshop gibt Tipps für Argumente gegen (rechte) Stammtischparolen

Workshop: Zwei Schauspieler haben mit rund 25 Teilnehmern Gesprächs- und Argumentationstechniken gegen rechtspopulistische Meinungsäußerungen geübt. Dabei gab es auch einige überraschende Tipps

Natalie Gottwald
09.11.2019 | Stand 08.11.2019, 16:08 Uhr

Herford. Karin Kettling und Jürgen Albrecht sind ausgebucht. Die beiden Schauspieler bieten seit rund fünf Jahren Workshops an, in denen sie den Teilnehmern Argumentations- und Gesprächstechniken gegen Stammtischparolen und Rechtspopulismus nahe bringen. Unter dem Titel „Zuvielcourage" gab es diesen Workshop kürzlich auch im Gemeindehaus der Markuskirche in Herford. Auch dieser Termin war ausgebucht. „Angefangen hat die große Nachfrage, als viele Menschen in der Gesellschaft lautstark einen Sündenbock gesucht haben für die Flüchtlingsproblematik", sagt Kettling. Und seitdem sei die Nachfrage nach den Workshops, die auch vom Bundesprogramm „Demokratie leben" gefördert werden, nicht abgerissen. Gibt es zu viel Courage gegen rechtspopulistisches Gebrüll? Der Titel „Zuvielcourage" wirft Fragen auf. Kann es denn wirklich zu viel Courage geben gegen rechtspopulistisches Gebrüll? „Ja", sagt Karin Kettling. „Oft macht man es mit einen harten Dagegenhalten nur schlimmer. Die Fronten verhärten dann", sagt sie. Ihr Credo: Hart in der Sache, weich zu den Menschen. Und das führen sie und ihr Kollege Albrecht den Workshop-Teilnehmern durch gespielte Szenen vor Augen. So wie diese: Herr Schröder und Frau Mutig treffen sich. Sie wohnen in der gleichen Straße. Herr Schröder ist damit beschäftigt, die Straße zu fegen. Er schimpft vor sich hin: „Die schmeißen ihre Kippen überall hin. Ich bin es leid, immer deren Müll wegzumachen – das können sie bei sich zu Hause machen, aber nicht hier. Hier ist Deutschland." Die Nachbarin Frau Mutig kommt mit einem Korb voller Äpfel aus ihrem Garten und hört Herrn Schröder schimpfen. Als er sie sieht und sie ihn fragt, was los sei, wird sein Schimpfen lauter. „Kann ich ihnen helfen? Was ist denn das Problem?" fragt Frau Mutig. Kurze Unterbrechung der Szene: „Nachfragen, das ist wichtig", erklärt Karin Kettling. Das Ziel sollte immer ein Gespräch sein. „Nur über ein gutes Gespräch kommt man dazu, dass Menschen ihre Positionen wirklich finden und vielleicht sogar überdenken." Lautes Dagegenhalten - der Kampfmodus - mache die Sache meist nur schlimmer, Schweigen könne aber als Zustimmung gedeutet werden. Empathie und Humor sind gute "Weichmacher" Herr Schröder schimpft lauter weiter: „Die Flüchtlinge hier, die schmeißen ihren ganzen Dreck hierhin. Und ich kann ihn wegmachen. Die sollen wieder zurück dahin gehen, woher sie gekommen sind." „Oh, das tut mir leid, dass Sie so viel Arbeit haben. Wollen wir gemeinsam mal mit den Menschen reden?" Wieder eine Unterbrechung: Verständnis zeigen – nicht für die Meinung, sondern für die Situation des Einzelnen sei ein guter „Weichmacher", so Kettling. „Ich rede nicht mit denen. Die sollen weg. Sie stecken doch mit denen unter einer Decke", wird Schröder in der Szene noch lauter. „Ich stecke nur mit meinem Mann unter einer Decke", erwidert Frau Mutig. „Humor – auch ein Weichmacher", erklärt Kettling. Wichtig sei vor allem, sich eben nicht einfach angewidert oder genervt abzuwenden, wenn man auf Stammtischparolen und Rechtspopulismus treffe. „Gehen Sie ins Gespräch und bleiben Sie betont menschlich – das ist das beste Mittel", rät die Schauspielerin den Workshop-Teilnehmern. Und trainiert mit ihnen in weitere Szenen genau dieser Gesprächstechniken.

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