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Der Saal des Schützenhofs und der Backstagebereich erfüllen nicht mehr heutige Standards, die Nordwestdeutsche Philharmonie dagegen schon. - © Ralf Bittner
Der Saal des Schützenhofs und der Backstagebereich erfüllen nicht mehr heutige Standards, die Nordwestdeutsche Philharmonie dagegen schon. | © Ralf Bittner

Herford Der Schützenhof in Herford bietet der Philharmonie keine Perspektive

13,9 Millionen Euro soll die Sanierung des Gebäudes auf dem Stiftberg kosten. Doch dabei bleibt es offenbar nicht. Und die Schützengesellschaft hat auch ein Wort mitzureden.

Peter Steinert
10.10.2019 | Stand 10.10.2019, 21:17 Uhr

Herford. Wenn der Schützenhof ein Krankenhauspatient wäre, müssten die Mediziner von einem besonders schweren Fall sprechen. Auch nach umfassender Operation wäre das Überleben nicht gesichert. Die Operation war bislang als „Sanierung" in Höhe von 13,9 Millionen Euro bekannt. Diese Summe deckt offenbar nicht den gesamten Bedarf ab. Britta Kurlbaum, Geschäftsführerin der Stadtgarten- und Schützenhof GmbH: „Die Ratsvorlage umfasst Kosten für ein sogenanntes Facelift, nicht für eine Generalsanierung." OWL-Forum könnte sich somit eher rechnen Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich sich das von Bürgermeister Tim Kähler initiierte OWL-Forum am Bahnhof für 97 Millionen Euro eher rechnet. Nutznießer des neuen Veranstaltungszentrums wäre die Nordwestdeutsche Philharmonie (NWD), die seit Gründung Ende der 1950-er Jahren ihren Sitz in Herford hat. Und die seitdem im Schützenhof probt sowie bis zu 15 Konzerte in der Hansestadt gibt. Im ganzen Jahr stehen etwa 130 Konzertabende regional und überregional auf dem Terminkalender. Es hapert an der Thermik Wobei NWD-Geschäftsführer Christian Becker über die Spielstätte mit dem großen Saal sowie die in den 1980-er Jahren zusätzlich gebaute Studio-Bühne gar nicht klagt. „Der Anbau bietet uns wirkliche gute Möglichkeiten zum Proben. Und im großen Saal ist die Akustik hervorragend. Leider hapert es an der Thermik. Ich habe mehrfach gehört, dass es hier zieht", sagt Becker, für den diese Spielzeit die letzte vor seinem Ruhestand ist. Dem künftigen Rentner fallen umgehend eine Reihe von Minuspunkten ein, wenn er danach gefragt wird. Dabei ist die „schlechte Beleuchtung" nur ein Nebenaspekt. Hauptproblem ist der Backstage-Bereich. Es fehlt an geeigneten Räumen für die Verwaltung, Solisten und Instrumente. "Wir sitzen auf einer Bombe" Gravierend ist zudem die Lärmproblematik, nachdem ein Nachbar eine sogenannte „Lärmampel" durchgesetzt hat. Becker: „Diese Ampel schaltet bei einer gewissen Lautstärke automatisch den Strom im Schützenhof ab. Das ist für uns kein Problem, weil wir sozusagen ’unplugged’ spielen. Trotzdem sitzen wir auf einer Bombe. Denn wenn sich Nachbarn über an- und abfahrende Autos bei Konzerten beschweren, dann könnten sie auf ein Veranstaltungsende um 22 Uhr drängen. Setzen sie sich durch, dann herrscht hier komplett Ruhe." Parksuchverkehr sorgt für regelmäßigen Ärger Ohnehin sei der Parksuchverkehr bei Veranstaltungen regelmäßiger Anlass zum Ärger. „Schon jetzt gibt es für die Konzerte eine Ausweichbewegung nach Bad Salzuflen. Das finden unsere Besucher besser. Ganz abgesehen davon, dass ein Konzert heutzutage auch ein Event ist. Und das kann hier nicht geboten werden. Der Schützenhof ist eine Veranstaltungsstätte, die nicht mehr gehalten werden kann. Perspektivisch geht das nicht", sagt Christian Becker. Ähnliche Ansichten vertreten Anne und Ralf Struthoff von den NWD-Freunden. „Ich kenne Besucher, die wegen des Orchesters und trotz der Halle in den Schützenhof gehen", sagt Anne Struthoff, die das Ambiente als „sehr altertümlich aber funktionell" beschreibt. Bedenklich findet sie, dass es aus Brandschutzgründen mittlerweile Einschränkungen gebe. Deutliche Defizite im nicht einsehbaren Teil des Schützenhofs Durch ihr Engagement sind die Struthoffs etwas näher am Orchester als der gelegentliche Konzertbesucher. Das Ehepaar weiß, dass deutliche Defizite im nicht einsehbaren Teil des Schützenhofs bestehen. „Es gibt keinen einzigen Übungsraum. Wenn die Geigerin in einer Zweizimmerwohnung lebt, dann kann sie nicht den ganzen Tag zuhause üben. Wenn sich ein neuer Musiker vorstellt, dann fragt der, wo er sich einspielen kann", sagt Anna Struthoff. NWD könnte auf dem Weg in die A-Liga sein Dabei wäre es gerade für die NWD wichtig, guten Nachwuchs hinzuzugewinnen. „Das Orchester spielt in der B-Liga. Könnte aber auf dem Weg in die A-Liga sein. Wegen der Arbeitsbedingungen ist es ein Wettbewerbsnachteil, wenn es um die Rekrutierung von Nachwuchsmusikern geht", ist Anne Struthoff überzeugt. Veränderungen dieser Qualität stehen noch gar nicht zur Debatte, geschweige denn in der Kalkulation. Die ist ohnehin lang genug. Britta Kurlbaum: „Für die Schätzung wurden im Wesentlichen die Kosten für die Bauwerkskonstruktion aufgeführt. Also beispielsweise Sanierungen von Dach und Fensteranlagen, energetische Fassadensanierung, Bodenbelags- und Trockenbauarbeiten, auch die Trockenlegung eines Bereichs im Kellergeschoss." Bei der Sanierung würde der Schützenhof wohl länger am finanziellen Tropf der Stadt hängen Die wenig optimistisch machende Diagnose führt zudem die komplette Erneuerung der älteren Heizungsanlage und der Elektrotechnik wie auch der Lüftungs- und Sanitäranlagen an. Kurlbaum: „Zudem wurden Positionen für die Anpassung der Außenanlagen, für weitere Brandschutzmaßnahmen oder barrierefreie Zugänge einbezogen." Bei Sanierung des Gebäudes hängt der Schützenhof wohl länger am finanziellen Tropf der Stadt Herford. Das kann auch deswegen so ein, weil die "Schützengesellschaft zu Herford von 1832" Anteilseigner ist und nicht daran denkt, ihre 27,5-prozentige Beteiligung zu veräußern. Präsident Heinz Richter: "Wir sind gegen das OWL-Forum und für den Erhalt des Schützenhofes."

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