0
Am späten Nachmittag sind so gut wie alle Gondeln angebracht. Ein paar fehlen noch, aber das Wetter macht einen Strich durch die Rechnung. - © Elena Ahler
Am späten Nachmittag sind so gut wie alle Gondeln angebracht. Ein paar fehlen noch, aber das Wetter macht einen Strich durch die Rechnung. | © Elena Ahler

Herford 30 Meter über Herford: Ein Riesenrad wird in der Innenstadt aufgebaut

Viele Besucher sehen von der City-Kirmes meist als erstes das hohe Riesenrad über den Häusern aufragen. nw.de hat die Schausteller-Familie beim Aufbau begleitet.

Elena Ahler
10.10.2019 | Stand 10.10.2019, 10:45 Uhr |

Herford. Die nächsten Tage weht wieder der Duft von Popcorn, gebrannten Mandeln, Hotdogs oder Pizza durch die Stadt. Zum 47. Mal wird die Herforder Innenstadt zu einer City-Kirmes. Vom 10. bis zum 14. Oktober bauen mehr als 60 Schausteller ihre Buden, Karussells, Imbiss- und Süßigkeitenwagen rund um den Alten Markt, das Rathaus und die Münsterkirche auf. Bekannte Fahrgeschäfte wie "Musik Express", „Heroes" oder „Biene Maja" kommen nach Herford. Neu dabei ist ein sogenannter Propeller-Arm mit bis zu 42-Meter Höhe. Michael Schäfer, Projektleiter bei beim Pro Herford Stadtmarketing, die die Kirmes ausrichtet, rechnet mit bis zu 100.000 Besuchern. Eine weitere gut sichtbare Attraktion ist seit jeher das Riesenrad. In diesem Jahr steht es auf dem Alten Markt, betrieben wird es von der Familie Sperlich. Sie ist mit ihrem Nostalgierad "Wheel of Circus" zum zweiten Mal auf der Herforder City-Kirmes. nw.de war beim Aufbau dabei. "Wie Lego für Erwachsene" "Es ist wie Lego für Erwachsene, wie ein Steckbaukasten", sagt Geschäftsführer Enrico Sperlich. Sein Team besteht aus fünf Personen. Drei Mitarbeiter, darunter sein Sohn, helfen beim Aufbau mit. Das etwa 30 Meter hohe Riesenrad aufzubauen dauert insgesamt 16 Stunden, aufgeteilt in zwei Acht-Stunden-Tage. Die Gruppe reist mit drei Wagen, die zwischen 20 und bis zu 40 Tonnen wiegen. Beladen sind sie mit 20 Gondeln, unzähligen Schrauben, Bolzen, Speichen, dem Kassen-Wagen und vielen anderen Bauteilen. Zunächst muss das Fundament aufgebockt werden. "Alles wird mit der Wasserwaage austariert, damit das Riesenrad sicher steht. Der Kassen-Wagen und ein weiterer Wagen mit der Hinterwand, auf dem der Name 'Wheel of Circus' steht, sind in das Riesenrad integriert und bilden zusammen mit den dritten Wagen das Fundament", sagt Sperlich. Millimeterarbeit am Riesenrad Das spare auch Zeit und Platz, da die Transporter nicht nach dem Aufbau weggefahren werden müssen, sondern selbst Teil der Attraktion sind. Damit sei auch begrenzter Platz wie in einer Innenstadt kein Problem. Wenn das Fundament steht, werden mittels Hydraulik die Arme beziehungsweise Stützen, also das Gerüst des Riesenrades, hochgefahren. Das ist Millimeterarbeit, wie Sperlich erzählt. Ein paar Zentimeter zu viel oder zu wenig, reichen schon aus, um das Riesenrad zu beschädigen. Zwischen der Rad-Mitte und dem äußeren Rand werden Speichen befestigt bis schließlich die Gondeln außen eingehängt werden können. "Beim Aufbau lassen wir uns Zeit, wir dürfen uns nicht stressen und befestigen immer ein Bauteil nach dem anderen. Das gesamte Team ist gut eingespielt, jeder weiß, was er zu tun hat", sagt der 52-Jährige. Der Aufbau bleibt trotz Hydraulik und Kettenzügen weiterhin Knochenarbeit. Die Bolzen werden mit einem Hammer hineingehauen, jeder Handgriff muss sitzen. "Wir dürfen nichts vergessen. Jede Schraube ist abgezählt, es darf nichts übrig bleiben." Lange Zirkus- und Schaustellertradition Sperlich stammt aus einer alten Zirkusfamilie, geboren wurde er in Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Seine Eltern waren Artisten in der ehemaligen DDR. Seit 30 Jahren ist Enrico Sperlich selbstständig und leitet den Familienbetrieb in fünfter Generation. Vor dem Riesenrad wurden auch Zirkus- und Festzelte betrieben oder Imbisswagen. Vor acht Jahren hat Enrico Sperlich für eine Million Euro das Riesenrad gekauft. "Damals war die Nachfrage nach Riesenrädern hoch", sagt er. Die ganze Familie hilft mit im Unternehmen. Seine Frau sitzt an der Kasse, seine Schwiegertochter bedient das Riesenrad am Computer. Sein ältester Sohn hilft bei Auf- und Abbau. In diesem Jahr haben die Schausteller viele Kilometer zurückgelegt, von April bis Dezember sind sie auf deutschen Jahrmärkten und Kirmessen unterwegs. "Es kommen wieder mehr Gäste zur Kirmes. Seit etwa zwei Jahren merken wir, dass solche Märkte wieder im Kommen sind. Vielleicht weil die Menschen merken, dass nur Zuhause Computer zu spielen, doch nicht so schön ist", sagt Sperlich mit einem Lachen. Bei Windstärke 8 wird der Betrieb eingestellt Sobald das "Skelett" des Riesenrads steht, werden schließlich die Gondeln eingehängt. "Davor müssen wir aber erst einmal alle Gondeln gründlich säubern, auf der letzten Kirmes gab es viel Schlamm und Regen", sagt Sperlich. Jeden Tag werden die Fenster der Gondeln geputzt. Aber Markt-Betrieb ist immer wetterabhängig, wie der Schausteller erklärt. Das Wetter entscheidet, wie viele Menschen kommen oder, ob das Riesenrad normal laufen kann. "Ab einer Windstärke von 8 müssen wir den Betrieb einstellen. Wir haben am Riesenrad einen Windmesser. Bei einer Windstärke von 7 beginnen wir, die Gäste aus dem Riesenrad zu holen." Alle fünf Jahre kommt der TÜV Alle fünf Jahre werde das Riesenrad vom TÜV überprüft. Vor Ort kümmert sich das Ordnungsamt und die Feuerwehr um die Sicherheitsabnahme der Fahrgeschäfte. Abseits davon sei die Familie immer auf Sicherheit bedacht. "An den Markttagen schauen wir, dass keine zu stark alkoholisierten Gäste einsteigen. Manchmal halten sich Leute nicht an die Regeln, stehen auf oder lehnen sich hinaus. Das geht natürlich nicht", sagt Sperlich. Auch müssen die Betreiber darauf achten, dass die Gäste schön gleichmäßig im Riesenrad verteilt sind. "Damit alles im Gleichgewicht bleibt und rund läuft. Es ist kein Muss, aber besser", verrät der 52-Jährige. "Hier sind wir mittendrin" Sperlich freut sich auf die fünf Tage Herford. "Es ist toll, auf einem Platz in der Innenstadt zu stehen. Häufig werden die Kirmessen an den Rand der Stadt verbannt, weit weg von den Menschen. Hier sind wir mittendrin." Und tatsächlich bleiben bereits beim Aufbau einige Menschen stehen und bestaunen das Schauspiel, wie ein Riesenrad mitten in der Stadt aufgebaut wird.

realisiert durch evolver group