0

Herford Screening am Klinikum Herford: Wenn Blinde Brustkrebs ertasten

Bettina Schniedermann ist blind. Doch das Handicap macht sie in einem anderen Bereich zum Profi. nw.de-Autor Jan-Hendrik Gerdener hat sich von ihr untersuchen lassen.

Jan-Henrik Gerdener
01.09.2019 | Stand 06.09.2019, 14:31 Uhr

Herford. Bettina Schniedermann ist auf dem linken Auge von Geburt an blind. Es sei so oval nach innen gewachsen, dass die Informationen des Sehnervs nicht ans Gehirn weitergeleitet werden. "Gemerkt habe ich das erst als ich in die Schule kam, weil ich noch in einer Zeit aufgewachsen bin, in der so etwas vorher noch gar nicht untersucht wurde. Ich dachte, alle Menschen können nur so gucken", erzählt sie in unserem Gespräch. Heute gäbe es verschiedene Methoden, ihr zu helfen, doch dafür ist sie mittlerweile zu alt. Gleich wird Bettine Schniedermann mir zeigen, warum sie heute durch ihr Handicap sogar anderen Menschen das Leben retten kann. Doch zuvor interessiert mich, wie sie eigentlich zu ihrem heutigen Beruf gekommen ist. Nachdem sie zunächst in der Damenoberbekleidung und dem Hotelbetrieb gearbeitet habe, sagt Schiedermann, sie sie auf die Initiative "Discovering Hands" aufmerksam geworden. Die Initiative bildet blinde und sehbehinderte Menschen dazu aus, durch Abtasten Brustkrebs frühzeitig zu erkennen. Sind sind durch ihren überdurchschnittlich stark ausgebildeten Tastsinn besonders gut in der Lage dazu, Tumore zu finden. "Das Thema Brustkrebs ist für mich besonders persönlich, weil fast alle Frauen in meiner Familie davon betroffen waren; egal ob Mutter, Tante oder Oma", berichtet Schniedermann. Bei der Initiative stellt sie fest, dass sie ein Talent für das Ertasten von Tumoren besitzt und absolviert eine 10-monatige Ausbildung am Klinikum Düren. Damit ist sie eine von 41 Medizinisch-Taktilen Untersucherinen deutschlandweit. Zusätzlich absolvierte sie Weiterbildungen in der Gestalttherapie und Psychoonkologie und sei damit qualifiziert, Patienten im schwierigen Fall einer Krebsdiagnose zu begleiten. "Der große Vorteil der Untersucherinnen ist, dass sie sich viel mehr Zeit für die Patientinnen nehmen können als ein Arzt. Denn wir können höchstens fünf bis zehn Minuten für eine Untersuchung aufwenden, weil wir im medizinischen Alltag sonst überhaupt nicht hinterherkommen", sagt Thomas Heuser, Chefarzt der Frauenklinik im Klinikum. Im Gegensatz dazu dauert eine Taktile Untersuchung 45 bis 60 Minuten. Die Untersuchung beginnt mit einer ausführlichen Befragung zur eigenen Gesundheit und zur familiären Vorgeschichte. Danach beginnt das eigentlich Abtasten. Als männlicher Patient bin ich eine Seltenheit für Bettina Schniedermann. "Es gibt aber jedes Jahr auch 600 bis 650 Fälle von Männern, die an Brustkrebs erakranken", sagt sie. In der Hoffnung diese Zahl mit diesem Selbstversuch nicht noch weiter in die Höhe zu treiben, beginnt die erste Abtastung. Nachdem ich meinen Oberkörper frei gemacht habe, werde ich im Sitzen abgetastet. Dabei werden zunächst meine Lymphabflussgebiete und meine Brust selbst untersucht. Schniedermann berichtet mir dabei mit ruhiger Stimme von jedem ihrer Untersuchungsschritte. Dadurch schafft sie eine sehr beruhigende Atmosphäre. Anschließend beginnt eine zweite Abtastung. Dafür muss ich mich zunächst auf den Rücken legen und mir werden fünf Messtreifen auf die Brust geklebt. "Durch die Streifen können wir genau dokumentieren, wo wir etwas finden", erklärt die Untersucherin. Anschließend muss ich mich schräg mit dem Rücken auf ein Kissen legen, sodass meine rechte Brust angehoben wird. Nun untersucht Schniedermann die abgeklebten Bereiche Zentimeter für Zentimeter. "Wenn man eine feste Stelle entdeckt, ist das zu nächst noch nichts schlimmes. Es kommt darauf an, ob man die verhärtete Stelle ohne Probleme wegdrücken und bewegen kann." Diese Erklärungen haben das Ziel, Frauen dabei zu helfen, ihre Ängste abzubauen und die Möglichkeit zu geben, zu lernen sich selbst zu untersuchen. Warum aber zwei verschiedenen Abtastungen? "So kann besser in die Brust "sehen", erklärt Schniedermann. Denn gerade bei Patientinnen, die obenrum weiträumiger ausgestattet sind als ich, könnte bestimmte Teile der Brust im Sitzen gar nicht ertastet werden. Nachdem die Brust als Ganzes abgetastet wurde, werden schließlich noch die Drüsen in den Brustwarzen abgetastet. Dann erhalte ich die beruhigende Nachricht, dass nichts gefunden wurde. Aber was wenn doch? "Ich stelle nie selbst eine Diagnose. Wenn ich eine Auffälligkeit entdecke, verweise ich Patienten sofort mit genauen Angaben an einen Arzt weiter." Dort könne dann mit Ultraschall oder Mammographie genau festgestellt werden, worum es sich handelt. Hierzu können Patienten aber auch ihre eigenen Frauenärzte aufrufen und müssen dies nicht zwingend im Klinikum untersuchen lassen. Ab Montag gibt es das neue Angebot auch für Patienten im Klinikum Herford. Von halb 9 bis 17 Uhr empfängt Bettina Schniedermann in der Frauenklinik Patienten. Der Kontakt zu den "Discovering Hands" kam durch die Anästhesieschwester Nadja Will des Klinikums zustande. Nach Ihrer eigenen Brustkrebsdiagnose hatte sie den Think Pink Club gegründet, mit dem anderen Betroffenen helfen möchte. Als Sie einen Vortrag von Schniedermann im Elsbach Haus gehört habe, sei sie begeistert gewesen. "Mit dieser Untersuchung wäre der Krebs vielleicht auch bei mir eher festgestellt worden", sagt sie.

realisiert durch evolver group