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Peter Trabner übt Konsumkritik in der Kulturreihe "Mein Sommer, meine Stadt". - © Ralf Bittner
Peter Trabner übt Konsumkritik in der Kulturreihe "Mein Sommer, meine Stadt". | © Ralf Bittner

Herford Mein Sommer meine Stadt in Herford: Konsumkritik und erstaunte Zuschauer

Peter Trabner bringt im Einpersonenstück „Der Tod des Empedokles“ Konsumkritik und pure Lust am improvisierten Spiel zusammen.

Ralf Bittner
27.07.2019 | Stand 27.07.2019, 16:16 Uhr

Herford. „Es geht um Alles! Planet! Klima!" brüllt Peter Trabner ins Publikum im Aawiesenpark. Er spielt einen Schauspieler, der für die Aufführung von Friedrich Hölderlins Textfragment „Der Tod des Empedokles" probt. Der vorsokratische Philosoph brachte sich im Ätna um, Hölderlin brachte die Arbeit am Stück in die Psychiatrie. Der Auftritt ist Teil der Reihe "Mein Sommer, meine Stadt", einer Sommerkulturreihe veranstaltet von Pro Herford. Spielpartner ist ein Baum Trabners Partner in dem Stück ist eine ausladende Birke. „Der Baum ist die Verbindung von Erde und Himmel" erklärt er, „Mein Gott, das Konzept ist doch ganz klar!" Da schwitzt er schon, und ist angesichts des unverständigen Publikums schon wieder kurz davor, die Contenance zu verlieren. Teil des universellen Ganzen ist Empedokles, der nach seinem Tod im Ätna quasi in Rauch aufgegangenen und seither in homöopathischen Dosen in allem enthalten ist – auch in der Luft, die wir Atmen. Apropos Luft . „1865 begann die CO2-Verseuchung unserer Luft", sagt Trabner. Seit der Erfindung einer effektiven Kohledampfmaschine trägt so gut wie alles, was heute produziert wird, zur C02-Verschmutzung bei. 1905 Erfindung des Bakelit. 1910 Die Kunststoffe erhalten ihren Namen, mehr als 200 sind es heute. 1919 – Ford erfindet das Fließband und macht mit der Massenproduktion den heutigen Turbokapitalismus möglich. Im Stakkato haut Trabner den Zuschauern die Wegmarken auf dem Weg in den Untergang um die Ohren. Es geht um's Ganze Worum ging es noch gleich? Ach ja – ums Ganze, oder den „Circle of Nature", den die Zuschauer immer wieder chorisch beschwören. Wenn es um’s Ganze geht, ist natürlich der Schauspieler in seiner Gesamtheit gefordert. Selbstredend sind dem Schauspieler während der Arbeit am Stück Currywurst, Fleisch, motorisierte Fahrzeuge verboten, ebenso Kleidung, die unter sozial nicht vertretbaren Umständen produziert wurde. Der Wahnsinn des Schauspielbetriebs kommt ebenso vor wie die ein oder andere Textpassage aus der Feder Hölderlins. Mit Hilfe eines Mitspielers aus dem Publikum fallen die verwerflichen Hüllen. Ohne Textilien aus Billigstproduktion steht der Wüterich plötzlich so gut wie nackt unter dem Baum. Fast alles, was wir selbstverständlich benutzen, bringt anderswo mehr Leid als Nutzen – vom Schaden für die Umwelt gar nicht zu reden. Unter den Birkenzweigen lässt Trabner, bekannt als Gerichtsmediziner Lammert aus den MDR-Tatorten, seinem Hang zur Improvisation freien Lauf, nimmt auf, was gerade passt. Ein lärmendes Kleinflugzeug wird zum Ferienflieger Richtung Malle. Trabner gibt alles, um den Menschen klar zu machen, dass die Menschheit auf dem besten Wege ist, sich in Gänze in den Ätna zu stürzen. Doch bei allem wahnsinnigen Wüten und wütendem Wahnsinn gibt es Rettung: Amazon liefert Hose, Hemd und Schuhe, und der Bequeme in uns allen gewinnt die Oberhand. Erst kommt das Fressen, dann die Ökologie - und nach dem Wissen die Bequemlichkeit. Trotz besserem Wissen - erst kommt das Fressen, dann die Ökologie Zurück bleiben Zuschauer, die nicht wissen, ob sie den Wüterich bejubeln oder einen Stein in das Spiegelbild werfen sollen, das ihnen gerade vorgeführt wurde. Unberührt bleibt niemand bei diesem Stück passend zur Klimakrise. Weiter geht „Mein Sommer meine Stadt" am Freitag, 2. August, auf dem Gänsemarkt mit Weltmusik von „Cacto". Beginn ist um 19 Uhr.

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