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Eine Großpackung des Mittels Round Up, das ist ein umstrittenes Glyphosat-haltiges Herbizid. - © Jobst Lüdeking
Eine Großpackung des Mittels Round Up, das ist ein umstrittenes Glyphosat-haltiges Herbizid. | © Jobst Lüdeking

Herford Grenzwerte überschritten: Illegal Glyphosat in Herford eingesetzt?

In der Aa werden die Grenzwerte für Glyphosat im Sommer immer wieder überschritten. Aber nicht nur Landwirte setzen das umstrittene Herbizid ein, auch Bürger in NRW kauften eine beträchtliche Menge.

Jobst Lüdeking
14.07.2019 | Stand 14.07.2019, 13:53 Uhr

Mess-Stelle 740706: Sie liegt in Herford kurz vor der Mündung der Aa in die Werre. Hier wird das Oberflächenwasser des Flusses auf chemische Inhaltsstoffe kontrolliert – mit teils überraschenden Ergebnissen, wenn es etwa um das umstrittene Glyphosat geht. Zurzeit tobt ein heftiger Streit darüber, ob das Totalherbizid, das Pflanzen abtötet, krebserregend ist oder harmlos. Erstaunlich sind aber die Messwerte, die in der Aa vorwiegend im Juni und Juli erfasst wurden. Sie weisen darüber hinaus auf ein massives Problem hin. An dem Herforder Messpunkt wurde, nach den Zahlen, die nw.de vorliegen, der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm in der Vergangenheit überschritten: Am 23. Juni 2015 und auch am 15. September wurden 0,17 Mikrogramm je Liter gemessen. Am 27. Juni und 24. Juli 2017 waren es 0,12 und 0,17 und am 17. September wurden 0,23 Mikrogramm dokumentiert. Herford ist da kein Einzellfall: Ähnliche Werte wie an der Aa – nur in einem weit größerem Maßstab – waren bereits in der Vergangenheit bei der Auswertung von Mess-Stellen für ganz NRW festgestellt worden: In den Monaten Juni, Juli und August wurden dort ebenfalls Grenzwerte des umstrittenen Glyphosats besonders häufig gerissen, so das Ergebnis in Kürze. So gelangt das Glyphosat in den Boden Doch woher stammen diese Glyphosat-Werte? „Wenn etwas wie Glyphosat heute im Fluss gefunden wird, ist es jeweils in den letzten Tagen davor dort rein gekommen", erklärt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. Dort ist auch der Pflanzenschutzdienst angesiedelt, der den Einsatz von Herbiziden, Fungiziden und Co überwacht. Doch gibt es während der Monate Juni und Juli so gut wie keinen Einsatz von glyphosathaltigen Mitteln in der Landwirtschaft. Die Überschreitungen liegen just in den Monaten, in denen Gerste, Raps oder Weizen auf den Feldern reifen. Immer von März bis Mai eingesetzt Glyphosat wird ackerbaulich in den Monaten März bis Anfang Mai eingesetzt, um Unkraut abzutöten. Meist sind das Pflanzen, die aus den Körnern gewachsen sind, die der Mähdrescher im Vorjahr nicht erfasst hat. Besprühte Pflanzen sind leicht erkennbar. Sie werden hellgelb und sterben ab. Auf den Feldern werden danach Zuckerrüben oder Mais wachsen. Ähnlich sieht es im Herbst aus, wenn ab Mitte September Felder mit dem Totalherbizid besprüht werden und anschließend Getreide gesät wird. Als mögliche Eintragsquellen gelten noch die Deutsche Bahn oder aber private Grundstückseigentümer. Hier wird seit Langem darüber spekuliert, dass gerade dort Aufwandmengen nicht eingehalten werden oder aber Pflanzen, die auf gepflasterten Flächen wachsen trotz Verbots mit dem Wirkstoff besprüht werden. Das Glyphosat wird dann beim nächsten Regen vom Wasser von Höfen und Wegen abgeschwemmt, landet im Bach oder Fluss und führt dazu, dass Grenzwerte überschritten werden. Bürger in NRW kaufen insgesamt 18 Tonnen Glyphosat im Internet Privatleute, die rein gar nichts mit Landwirtschaft zu tun haben, scheinen tatsächlich ein extrem hohes Interesse an dem Wirkstoff zu haben. „Wir haben festgestellt, dass Bürger in NRW im vergangenen Jahr insgesamt 18 Tonnen Glyphosat im Internet gekauft haben. Es handelt sich dabei um Gebinde, die eigentlich nur für berufliche Anwender wie Landwirte zugelassen sind, aber an nicht-berufliche Anwender verkauft wurden", erklärt Kammersprecher Rüb auf Anfrage. Dabei habe es sich um knapp 6.000 Käufer gehandelt, mehr als 500 sind Mehrfachkäufer, haben also mehr als einmal den umstrittenen Wirkstoff bestellt. Die Daten der Käufer liegen jetzt dem Pflanzenschutzdienst vor. Die von den Privatleuten bezogenen Menge reicht - je nach Dosierung - aus, um Pflanzen auf einer Fläche von rund 60 Quadratkilometern komplett abzutöten. Für den Kauf ist eigentlich ein so genannter Sachkundenachweis nötig. Den haben die knapp 6.000 Käufer aber nicht. Nach wie vor bleibt aber unklar, woher die Grenzwertüberschreitungen an der Aa gekommen ist.

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