Herford Archäologen finden Skelette an der Johanniskirche

Spuren aus dem Mittelalter: Die Archäologen wurden gerufen, als der Bagger bei Bauarbeiten Knochen zu Tage förderte. Sie entdeckten die ersten unversehrt erhalten gebliebenen Gräber des Friedhofs und mehr

Frank-Michael Kiel-Steinkamp
06.03.2019 | Stand 06.03.2019, 09:33 Uhr

Herford. Bauarbeiten an der Johanniskirche haben zu neuen Erkenntnissen über die Entwicklung der Herforder Neustadt in den vergangenen Jahrhunderten geführt. So geht der Leiter der Außenstelle Bielefeld von LWL-Archäologie für Westfalen, Sven Spiong, nun davon aus, dass die Johanniskirche im Mittelalter auf einer kleinen Anhöhe lag. Sollte es im "Archäologischen Fenster" an der Münsterkirche eine virtuelle Rekonstruktion der mittelalterlichen Stadt geben, könnte das berücksichtigt werden, meint Spiong. Seit einigen Wochen und Monaten sind der Neue Markt und die Flächen um die Kirche Baustelle. Die Neugestaltung der Fußgängerzone mit Natursteinpflaster wird in diesem Bereich fortgesetzt. Der aktuelle archäologische Fund geht allerdings auf andere Arbeiten zurück, sagt Pfarrer Johannes Beer von der Innenstadt-Kirchengemeinde. Um den Bau im Inneren unter veränderten klimatischen Bedingungen vor Schimmel durch Feuchtigkeit zu bewahren, muss das alte Gemäuer idealerweise mitten in der Nacht gelüftet werden. "Das wollen wir keiner Küsterin und keinem Küster zumuten", sagt Beer. Da rund um die Kirche ohnehin Baustelle ist, soll im Fundament unterhalb des Südportals ein Rohr eingebaut werden, durch das Luft eingesaugt werden kann. Für die Kernbohrung hat ein Bagger eine Baugrube ausgehoben, bei der Knochen zu Tage gefördert wurden. Die pflichtgemäß herbeigerufenen Archäologen, die ohnehin die Großbaustelle begleiten, legten in Feinarbeit vier Gräber frei. Drei Skelette lagen noch im Knochenverband wie bei der Bestattung. "Es ist das erste Mal, dass wir hier intakte Gräber gefunden haben", sagt Beer. Seit dem 13. und bis ins 18. Jahrhundert war der Johannis-Kirchhof der Friedhof der Neustadt. Weil die Fläche klein ist, wurden die Toten eng bestattet. Man lief früher unbefangen über die Gräber, sonst wäre auch die Lage vor einem Portal schwer zu erklären. »Das Laufniveau war in der Neustadt früher zwei Meter tiefer« Sven Spiong vermutet, dass die gefundenen Gräber mit Spuren vergangener Holzsärge aus der früheren Zeit stammen. Haben die Archäologen bei Grabungen auf dem Neuen Markt festgestellt, dass das sogenannte "Laufniveau" im 13. Jahrhundert zwei Meter unter dem heutigen gelegen hat, so können sie am gestern freigelegten Fundament erkennen, dass das Laufniveau an der Kirche nur 80 Zentimeter unter dem heutigen lag. Über die Jahrhunderte wurde an beiden Stellen immer wieder eine Schicht darüber gelegt. Die Kirche lag also - nicht unüblich - auf einem kleinen Hügel. Wahrscheinlich lag auch der Fußboden in der Kirche früher tiefer. Entsprechend haben die Menschen die Kirche höher als größer erlebt. Die gefundenen Gräber sollen nach einer Bestandsaufnahme und nach den Bauarbeiten wieder geschützt und zugeschüttet werden.

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