Eisenbahn: Zu diesem Thema gab es eine hochwertig gedruckte Fotoseite. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Eisenbahn: Zu diesem Thema gab es eine hochwertig gedruckte Fotoseite. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Was der moderne Mensch 1951 wissen musste, stand in einem Hefter

Volkslexikon: Die "Freie Presse" druckte es wie einen Fortsetzungsroman. Es gab einen Hefter, in dem das 1.000 Seiten starke Werk gesammelt werden konnte. Eine Leserin hat es aufbewahrt

Herford. Die große Zeit der Lexika ist vorbei, seit das Internet via Google und Wikipedia Informationen in mehr oder minder zuverlässiger Qualität meist aktuell frei Haus liefert. Der Nachteil selbst des teuersten Brockhaus-Lexikons war: Obwohl es eine Investition für das Leben war, veraltete es spätestens nach ein paar Jahren. Dafür waren die Fakten von Fachleuten geprüft und aufgeschrieben. Das Schmökern in einem historischen Lexikon kann dennoch aufschlussreich und unterhaltsam sein, denn es spiegelt den Wissensstand und den Zeitgeist seines Erscheinungsjahrs wider. Die Freie Presse, eine der beiden Vorgängerzeitungen der Neuen Westfälischen, hat kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein "Volkslexikon" wie einen Fortsetzungsroman gedruckt. Wer den Inhalt geliefert hat, geht aus dem Werk nicht hervor. »Die Atomphysik führt ein neues Zeitalter der Erde herauf« Die Leser konnten die Seiten ausschneiden und in einem Hefter zu einem handlichen Buch mit fast 1.000 Seiten zusammenfügen. Eine 89-jährige Leserin aus Herford, deren Vater das Lexikon vor rund 70 Jahren abgeheftet hatte, hat ihr geerbtes Exemplar jetzt der NW-Redaktion zur Verfügung gestellt. Wir haben gern in dem leicht vergilbten aber sonst gut erhaltenen Band von 1951 geblättert. Es ist, so der Aufdruck, ein "Neuzeitliches Nachschlagewerk für alle Gebiete des Wissens" mit "25.000 Stichwörtern, Bildtafeln mit zahlreichen Abbildungen und aufschlussreichen Kartenskizzen". Lesenswert ist schon das Vorwort. Darin heißt es, ohne die erst kurze Zeit zurückliegenden Schrecken des Krieges explizit zu nennen: "Die vergangenen Jahre brachten eine völlige Umgestaltung des Weltbildes, eine Neuorientierung auf allen Gebieten, einen Fortschritt, der viele, anscheinend feststehende Meinungen und Begriffe überholt und veraltet erscheinen läßt. Staaten und Völker veränderten Form und Grenzen, Riesenfernrohre drangen in nie gesehene Bereiche des Kosmos ein, die Medizin fand großartige Mittel, der Menschheit zu helfen, die Technik schuf gewaltige Anlagen und Einrichtungen, um die Entdeckungen der Forscher und Wissenschaftler auszunützen und die Atomphysik führt ein neues Zeitalter der Erde herauf ..." Und weiter: "Die Zeitung, deren Spalten von den Ereignissen des Tages gefüllt sind, muß sich oft darauf beschränken, ihren Lesern die bloßen Tatsachen mitzuteilen, sie kann nur zu den wichtigsten Ereignissen erklärend und kommentierend Stellung nehmen. Viele Geschehnisse, Begriffe und Entwicklungen müssen als bekannt voraus gesetzt werden. Hier soll das vorliegende Lexikon ein guter und zuverlässiger Berater und Helfer sein. In 25.000 Stichwörtern ist alles erfaßt, was der moderne Mensch wissen muß, wenn er nicht an seiner Zeit vorbei leben will." - Der Autor war offensichtlich von seiner Sache überzeugt. Anzeigen-Werbung schließt Frauen aus: »Der rechte Mann am rechten Platz!« Ebenso interessant wie die Stichwörter sind, ist die Werbung der Kaufleute aus der Region, die als Streifenanzeigen am Fuß vieler Seiten veröffentlich wurde. So wirbt auf der ersten Seite das Bielefelder Einrichtungshaus Eggert für Möbel von A bis Z. Alcina preist Kopfhaut-Medizin an: "Erfrischenden und belebenden Lavendel" und "Gesichtswasser, das reinigt, strafft und erfrischt". "Was die Welt funkt, hör mit Blaupunkt", empfiehlt die damals bekannte Radiomarke. Während in Westdeutschland 1949 knapp zehn Million Rundfunkteilnehmer gezählt wurden, waren es in Großbritannien schon über 12 Millionen. "Der rechte Mann am rechten Platz! Wer Mitarbeiter sucht, wer sich verbessern will, bedient sich der Stellenanzeigen in der FP", wirbt die Freie Presse für ihren Anzeigenteil. Es ist augenscheinlich die Zeit, da man glaubt, dass Frauen an den Herd gehören und die Wirtschaft ohne ihre Arbeitskraft auskommen könnte. Die Brennerei Wippermann aus Lemgo wirbt mit Qualität, gegen Hautjucken und Pickel versprach Leupin-Creme Abhilfe. Anzeigen aus Herford sind nicht dabei, wohl aber aus Bielefeld, Gütersloh, Paderborn, Lübbecke und Minden. Der knappe lexikalische Eintrag für Herford findet sich zwischen Herero und Hering: "Westfälische Kreisstadt, 49.500 Einwohner, besonders Textil- und Möbelindustrie". Heute hat die Stadt 67.000 Einwohner - die Kernstadt, auf die sich das Lexikon bezieht, hat heute rund 52.000 Einwohner. Von Diät keine Rede: »Laßt dicke Männer um mich sein« Das Lexikon hat einen Anhang mit Statistiken. Seinerzeit wurde die Gesamtbevölkerung der Erde auf 2,26 Milliarden Menschen geschätzt. Für das Jahr 2000 rechnete man damals mit über 3 Milliarden Menschen. Tatsächlich waren es im Jahr 2000 schon mehr als 6 Milliarden. Auf 47 Einwohner kommt in Westdeutschland 1951 ein Kraftwagen. 1950 erscheinen in der Bundesrepublik 950 Zeitungstitel mit einer Auflage von rund 14,5 Millionen. Einem 1949 20-jährigen Mann billigte man eine Lebenserwartung von weiteren 50 Jahren zu, einer gleichaltrigen Frau vier Jahre mehr. In Nordrhein-Westfalen war jeder zehnte Einwohner ein Flüchtling, in Schleswig-Holstein sogar jeder Dritte. Auf der Rückseite des Einbandes wirbt Dr. Oetker für Puddingpulver. Von Diät ist da keine Rede: "Laßt dicke Männer um mich sein, fiel schon dem alten Caesar ein; ,Auch Du, mein Brutus, tätest besser, wärst Du ein etwas größrer Esser! Tu Dich an guten Speisen gütlich, und mord' nicht! Das ist ungemütlich!? Ja, hätt' es Oetker schon gegeben, dann könnte Caesar heut' noch leben." Wer Cäsar war, das steht im Lexikon.

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