Herford Falken ziehen ins Hochregallager von Schöneberg

Wellteam: In luftiger Höhe haben Mitarbeiter gestern einen Nistkasten montiert. Die streng geschützte Art hat sich in Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahren gut erholt

Herford. Wanderfalken lieben Brutplätze in luftiger Höhe. Natürliche Bruthöhlen finden die streng geschützten Tiere in hohen Steilwänden am Meer und im Gebirge. Die gibt es aber in unserer Region kaum, daher halten Naturschützer seit Jahren die Augen auf, um Alternativen in hohen Bauwerken wie Kirchtürmen und Fabrikhallen zu finden. Ulrich Richter vom Landschaftsbeirat erkannte vor zwei Jahren als Erster das Potenzial des Hochregallagers von Wellteam im Industriegebiet Diebrock und fand bei Geschäftsführer Sieghard Schöneberg und Vater Friedrich-Wilhelm offene Ohren. Gestern kam ein großer Autokran auf der aktuellen Hallen-Baustelle zum Einsatz. Diese Gelegenheit nutzten die Schönebergs und die Naturschützer, um einen künstlichen Nistkasten auf das sonst nur mit einer engen Leiter zugängliche Dach in rund 35 Meter Höhe zu hieven. Der Naturschutzbund Minden stellte einen von einer Behindertenwerkstatt gebauten Kasten zur Verfügung. Wellteam-Mitarbeiter verbesserten den Wetterschutz und bauten eine stabile Unterkonstruktion. Die künftigen Mieter des Kastens werden einen weiten Blick auf Jagdgründe im Aa-Tal werfen können. Wanderfalke wurde erster "Vogel des Jahres" In die Tat umgesetzt wurde das Projekt "Wanderfalkenkasten" mit Hilfe von Klaus Kernebeck vom Kreisumweltamt und Klaus Nottmeyer von der Biologischen Station Ravensberg. Mit Spannung verfolgt haben die Aktion Tierpark-Chef Thorsten Dodt und seine Tierpfleger Susanne Aufdemkamp und Chris Wright, die derzeit mit dem Falknerschein eine Spezialform des Jagdscheins erwerben. Darüber ist Klaus Kernebeck besonders froh, weil das Kreisumweltamt den Tierpark gerne als nahegelegene Auffangstation für aufgefundene Greifvögel nutzt. Mit von der Partie waren gestern auch Mathias Ebmeyer von der Kreisjägerschaft und der Förster i. R. und Obmann Naturschutz Herwart Siebert. Der Wanderfalke wurde 1971 erster "Vogel des Jahres". Bis in die 1980er Jahre gab es keine brütenden Wanderfalken mehr in Nordrhein-Westfalen. Hohe Belastungen mit dem in der Landwirtschaft bis 1975 eingesetzten Insektizid DDT und Plünderungen der Horste hatten zu einem vollständigen Verschwinden im Land geführt. Durch intensive Horstbewachungen, Kontrollen und Brutstättenoptimierung konnte sich der Bestand nach Kernebecks Angaben in Deutschland wieder erholen. In Nordrhein-Westfalen wurde die Brutsaison 2017 mit rund 230 Brutpaaren und über 400 ausgeflogenen Jungvögeln abgeschlossen. »Die Weibchen sind der Chef im Ring« Auch im Kreis Herford soll sich der Bestand weiterentwickeln, sagt Kernebeck. 2014 führte ein im Jahr 2000 angebrachter Wanderfalkenkasten in Kirchlengern zum Bruterfolg. In Zusammenarbeit einer kleinen Gruppe von Naturschützern und auch der Kreisjägerschaft ist es in den letzten Jahren gelungen, in Abstimmung mit Eigentümern neue Brutplätze an hohen Türmen, Industrieanlagen und Kirchen im Kreis anzubieten. Beispiele sind der Stiftberger Kirchturm, eine Halle von Hettich und das Kraftwerk in Kirchlengern, der alte Ziegeleischornstein beim Abfallentsorger Göhner in Enger, eine Halle von Häcker-Küchen in Rödinghausen und der Kirchturm in Elverdissen, in dem der Pfarrer mit seinen Konfirmanden aktiv geworden ist. Nicht jeder angesprochene Immobilienbesitzer zeigt sich allerdings offen. "Die Weibchen sind der Chef im Ring", sagt Kernebeck. Sie sind größer als die Männchen und wählen sich Anfang des Jahres den Brutplatz aus. Brutpflege betreibt das Paar gemeinsam. Ist der Nachwuchs da, ist er nicht zu überhören.

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