Ganz ohne persönliche Eitelkeiten: Hildebrand Haake führte mit sicherer Hand die Westfälische Kantorei und das Ensemble "Sine Limite" aus Hannover. Fotos: Philipp Tenta
Ganz ohne persönliche Eitelkeiten: Hildebrand Haake führte mit sicherer Hand die Westfälische Kantorei und das Ensemble "Sine Limite" aus Hannover. Fotos: Philipp Tenta

Herford Konzert der Westfälischen Kantorei: Musik vom Feinsten neu erweckt

Doppelkonzert: In St. Marien feiern die Westfälische Kantorei ihr 70-jähriges Bestehen und Johannes Vetter seinen Einstand als Organist der Stiftskirche. Ein künstlerischer Abenteuerparcours führt zu barocken Meistern

Philipp Tenta

Herford. Mit einem Doppelkonzert feiern die Westfälische Kantorei ihr 70-jähriges Bestehen und Johannes Vetter seinen Einstand als Organist der Marienkirche auf dem Stiftberg. Frühe Gedichte aus Ossip Mandelstams erstem Gedichtband "Der Stein" bildeten das Rückgrat des Programms "Es kommen härtere Tage", das Johannes Vetter für den ersten Teil des Abends entwickelt hatte. Texte die den Zuhörer aufrütteln und gleichzeitig aufs Glatteis führten. Poetische Fundsachen sind bei diesem russischen Dichter keine Vorzeigestücke, sondern Mittel um Gedanken weiter zu führen. Aber wohin genau führen uns diese Gedanken, während wir selbst noch damit beschäftigt sind über poetische Überraschungen zu sinnieren? Texte die vielschichtig überraschen, beim ersten Zuhören faszinieren und gleichzeitig danach rufen sie als langfristige Begleiter zu erwählen. Mit Henriette Nagel wurde für die Lesung eine junge Schauspielerin gewonnen, der es gelingt mit der nötigen Distanz ganz nah am Text zu sein. Nagel ist zur Zeit festes Ensemblemitglied am Theater Bielefeld, wo sie neben anderen Rollen als Jungfrau von Orleans zu sehen ist. Johannes Vetter, der seit diesem Jahr Organist der Stiftskirche ist, hat um Mandelstams Gedichte ein verblüffend kontrastreiches musikalisches Programm zusammen gestellt. Als Pianist und Organist wechselte er von einem gefühlvollen Jazzklassiker zu einem, im barocken Klangbild gehaltenen Frescobaldi und Bach. Mit den "verschnupften Nachtigallen" stand eine Wiederbegegnung mit dem kompositorischen Bürgerschreck der 60er Jahre, Mauricio Kagel auf dem Programm. Kagels humorvolle Referenz zu Couperins verliebter Nachtigall ist heute keine Provokation mehr sondern spannendes und verwirrendes Hörspiel. In der zeitlichen Distanz kann man heute die musikalische Meisterschaft Kagels sicher besser erkennen, auch wenn sich dabei das Prädikat "total schräg" wertfrei aufdrängt. Die überraschendste Entdeckung war jedoch wider Erwarten Franz Liszt. Mit ihm verbindet man meist eine in Virtuosität verliebte Gefälligkeit. Hier war mit den Variationen über "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" ein tiefsinniger Liszt zu erleben, der oft zur spirituellen Meditation einlädt. Der zweite Teil des Doppelkonzert war dem siebzigjährigen Jubiläum der Westfälischen Kantorei gewidmet. Das von Wilhelm Ehmann gegründete Ensemble, wird seit 1987 von Hildebrand Haake geleitet und setzt sich aus Studierenden der Hochschule für Kirchenmusik, ihren Absolventen sowie Sänger mit professioneller Erfahrung zusammen. Gemeinsam mit dem Barockensemble "Sine limite" und Hans-Martin Kiefer an der Orgel wurden Werke von Bach und Heinrich Schütz in den Mittelpunkt ihres Konzerts gestellt. Hildebrand Haake entwickelt seine Interpretation konsequent aus der Vorlage der Komponisten. Ihm ist es ein Anliegen die Intentionen des Komponisten aufzudecken und den Interpreten Raum für ihre Entfaltung zu schenken. Barockposaunen gaben dem Orchester symphonische Fülle Er ist eindeutig kein Dirigent der sich mit exzentrischen Ideen selbst in den Mittelpunkt stellen will. Seine Tempowahl scheint sich aus dem natürlichen Sprachfluss zu entwickeln, eine selten gewordene Tugend in einer Zeit in der man oft durch überhöhte Geschwindigkeit spektakuläre Effekte erzielen will. Hier kann sich die Musik entfalten, die ausgezeichneten Solisten scheinen frei und unbeschwert zu singen und als Zuhörer lässt man sich gerne einwickeln und forttragen. Bachs Kantate "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" stellte die Verbindung zum ersten Teil des Abends dar, in dem Liszts Variationen über ein Bassmotiv aus diesem Werk zu hören war. Hier waren vor allem das Zusammenwirken von Altsänger József Opicz und der Barockoboisten von "Sine limite" herausragend. Ein ganz italienischer Heinrich Schütz war, trotz seiner Beteuerung in der Form einer deutschen Begräbnis-Messe komponiert zu haben, als Abschluss des Abends mit "Musikalischen Exequien" zu hören. Barockposaunen gaben dem Orchester symphonische Fülle. Wie in einer Folge musikalischer Miniaturen wechseln sich Chor und Solisten in unterschiedlichen Kombinationen miteinander ab. Musik vom Feinsten, ganz ohne persönliche Eitelkeiten zum Leben erweckt.

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