Farbig: So sah Wilhelm Heiner um 1961 das Städtische Orchester Bielefeld. Die Themen Musik, Tanz und Zirkus bilden den Schwerpunkt in Herford. - © Ralf Bittner
Farbig: So sah Wilhelm Heiner um 1961 das Städtische Orchester Bielefeld. Die Themen Musik, Tanz und Zirkus bilden den Schwerpunkt in Herford. | © Ralf Bittner

Herford Kunstverein zeigt dynamische Werke von Wilhelm Heiner

Die Ausstellung bildet eine Kooperation mit dem Böckstiegel-Museum in Werther

Ralf Bittner

Herford. Fast glaubt man, sie zu hören - Beethovens 9., dirigiert von Günter Wand, Richard Strauss' Till Eulenspiegel, dirigiert von Eugen Jochum oder Bruckners 4. Symphonie, dirigiert von Rolf Agop, dem ersten Chefdirigenten der Nordwestdeutschen Philharmonie. Dynamische Kohle- und Kreidezeichnungen von großen Solisten und Dirigenten der Klassischen Musik in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bilden eine große Werkgruppe in der neuen Ausstellung des Kunstvereins. Die Ausstellung ist Teil einer Retrospektive des Schaffens des in Enger geborenen, aber früh nach Bielefeld gezogenen Wilhelm Heiner. Rund 160 Arbeiten seines facettenreichen Werkes, zu dem anfangs auch Skulpturen gehörten, sind jetzt so gut wie zeitgleich im Herforder Kunstverein, Deichtorwall 2, und im Peter August Böckstiegel-Museum Werther zu sehen. In Herford werden rund 80 Arbeiten aus seinem umfangreichen grafischen Werk gezeigt. "Wir wollen das Werk unseres Vaters aus der Gruft holen" "Musik, Tanz und Zirkus haben meinen Vater als Künstler immer interessiert", sagt Matthias Heiner, Sohn des 1965 verstorbenen Künstlers, der gemeinsam mit seiner Frau Johanna über Jahre Informationen über Leben und Umfang des väterlichen Werkes zusammengetragen hat: "Zeichnungen und Aquarelle aus diesen drei Themenkreisen sind in Herford zu sehen, darunter rund 30 Zeichnungen mit berühmten Musikern und Dirigenten aus der Zeit zwischen 1945 und 1950, der größten geschlossen vorliegenden Werkgruppe meines Vaters." Was diesen Teil des Werks auszeichnet, sind Nähe und Dynamik. "Bei den Musikerporträts ging es ihm nicht nur um die Abbildung des Menschen, sondern auch darum, die Art, wie er die Musik interpretierte, mit Kreide oder Kohle sichtbar zu machen", sagt Matthias Heiner, und das gelang ihm eindrucksvoll. Ganz nebenbei entstand so das Porträt einer ganzen Musikergeneration, das es so wohl nicht noch einmal gibt. Nähe zeichnet auch die Bilder aus dem Zirkus aus. "Mein Vater war oft im Zirkus, entweder in der Loge, wo die Späne flogen oder - weil er viele der Artisten kannte - hinter der Bühne", sagt der Sohn. Die Elefanten zeichnet er abseits der Manege, den Clown in einem eher nachdenklichen Moment und die Zirkusreiterin Cilly Feindt lässt ihr Pferd im Zirkus Althoff in leichten Aquarellfarben tänzeln. Auch ein Fensterbild mit Zirkusmotiven ist im Pöppelmann-Haus zu sehen, Verweis auf die Zeit ab den 1950er Jahren, in denen er sich biblischen und religiösen Motiven zuwandte, Mosaike und Glasfenster - unter anderem für die Kirchen St. Pius und St. Jodokus in Bielefeld - schuf. "Bewegung und der menschliche Körper waren weitere Themen, mit denen sich mein Schwiegervater immer wieder beschäftigte", sagt Johanna Heiner, "und beides verband sich für ihn ihm Tanz als eine der vollkommensten Künste." Eine schwungvoll gezeichnete Kohleskizze der Ballerina Colette Marchand fällt sofort ins Auge, auch wegen des für Heiner ungewöhnlich großen Formates. Für heutige Verhältnisse seien die Arbeiten Wilhelm Heiners eher kleinformatig, was vielleicht der Material- und Papierknappheit der ersten Nachkriegsjahre Jahre geschuldet sein könnte, aber auch der Arbeitsweise. Denn Heiner zeichnete oft und schnell vor Ort. Da zum Nachlass auch viele Skizzen gehören, die nicht unbedingt als eigene Werke gelten können, sei der Umfang des Nachlasses nicht genau abschätzbar. "Wir wollen das Werk unseres Vaters aus der Gruft holen", sind sich die Heiners einig. Mit der Retrospektive und dem umfangreichen im Katalog zusammengetragenen Material haben sie dafür einen soliden Grundstein gelegt und zeigen einen Künstler, der es wert ist wieder entdeckt zu werden. Der Zeitpunkt jedenfalls scheint günstig, werden doch derzeit einige Künstler, die nach 1945 an der gegenständlichen Malerei festhielten, wiederentdeckt. Die Fakten zur Ausstellung Die Ausstellung wird am Samstag, 10. November, um 16.30 Uhr im Daniel-Pöppelmann-Haus, Deichtorwall 2, eröffnet. Einführung durch die Kölner Kunsthistorikerin Gudrun Pamme-Vogelsang. Geöffnet ist die Ausstellung bis zum 10. Februar, Mittwoch bis Samstag von 14 bis 18 Uhr, Sonntag ab 11 Uhr. Informationsveranstaltung für Multiplikatoren am Montag, 12. November, um 16.30 Uhr. Führungen von Sonja Ziemann-Heitkemper ab 18. November sonntags um 15 Uhr, Sonderführungen nach Absprache per E-Mail an ziemannart@aol.com oder unter unter Tel.  01 70-5 40 14 95. Am Sonntag, 9. Dezember, führt Matthias Heiner, Sohn des Künstlers, um 11 Uhr durch die Herforder Ausstellung und um 13.30 Uhr durch die Ausstellung im Museum Peter August Böckstiegel in Werther-Arrode. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Museum Peter August Böckstiegel. In Herford wird das grafische Werk gezeigt, in Werther liegt der Schwerpunkt auf dem Werk als Bildhauer, Maler und Zeichner. Zur Ausstellung ist ein 300 Seiten starker Katalog erschienen, der in beiden Museen erhältlich ist. www.herforderkunstverein.de; www.museumpab.de/; www.wilhelm-heiner.com/de/

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