Eindrucksvoll: Wenja Imlau spielt den heutigen Teenager Emma und das jüdische Mädchen Anne Frank gleichermaßen. Fotos: Ralf Bittner - © Ralf Bittner
Eindrucksvoll: Wenja Imlau spielt den heutigen Teenager Emma und das jüdische Mädchen Anne Frank gleichermaßen. Fotos: Ralf Bittner | © Ralf Bittner

Herford Das Lippische Landestheater zeigt Anne Frank Inszenierung

Das Tagebuch der Anne Frank: Das Lippische Landestheater zeigt eine beklemmende und mitreißende Inszenierung nach dem als UNESCO-Weltkulturerbende eingestuften Text. Darstellerin Wenja Imlau schlägt Brücken in die Lebenswelten der jungen Zuschauer

Ralf Bittner

Herford. „Ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. (. . .) Ich will fortleben, auch nach meinem Tod", schrieb Anne Frank am 5. April 1944 in ihr Tagebuch. Da lebte das am 12. Juni 1929 geborene Mädchen mit ihrer jüdischen Familie schon fast zwei Jahre versteckt in einem Hinterhaus in Amsterdam. Das Lippische Landestheater zeigt eine eindrucksvolle Annäherung. Das von ihrem Vater Otto Frank in den 50er Jahren veröffentlichte Tagebuch gilt als wichtiges Werk der Weltliteratur, in dem Anne über sich, Freunde und Familie, die sich nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande stetig verschlechternde Lage der jüdischen Menschen und schließlich das Leben im Versteck berichtete. Vom 6. Juli 1942 bis zur nach Verrat erfolgten Verhaftung durch die Nationalsozialisten am 4. August 1944 lebte die Familie versteckt, um der Verschleppung und Ermordung durch die Deutschen zu entgehen. Mit ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 begann Anne ihre Einträge, teils in in Briefform an eine „Kitty" zu schreiben. In der Inszenierung Konstanze Kappensteins ist es nicht „Kitty", die die Briefe liest, sondern Emma. Und dem Teenager geht es im Stück genauso wie den meisten Schülern auf den Stühlen vor der Studiobühne. Sie muss sich für die Schule mit dem „Tagebuch der Anne Frank" beschäftigen und beginnt, sich im Internet über das Dritte Reich, die Judenvernichtung und die Familie Frank zu informieren und schließlich das Tagebuch zu lesen, erst desinteressiert den ersten Eintrag, dann den letzten und schließlich fasziniert das ganze Tagebuch. Imlau bleibt nicht auf der Bühne, spricht ihr Publikum auch direkt an Wenja Imlau wechselt eindrucksvoll zwischen Emma und Anne. Sie ist die einzige Person auf der Bühne, freut sich mit der Tagebuchautorin über Geschenke zu Chanukka, ärgert sich mit ihr über die Mutter, hofft mit ihr auf einen Sieg der Alliierten und die Befreiung und verkriecht sich mit ihr während der Bombenangriffe unter der Matratze. Imlau bleibt nicht auf der Bühne, spricht ihr Publikum auch direkt an. „Was würdest Du mitnehmen?" fragt sie. Die meisten sind überfordert. Ein Kunstgriff, der zeigt, wie schwierig das Packen für einen Umzug oder eine Reise ist, erst recht für eine mit so ungewisser Dauer und ungewissem Ende wie das Abtauchen in den Untergrund. Anne packt den Schlüssel der elterlichen Wohnung ein, schließlich wolle sie ja zurückkommen. Optimistisch und aufgeweckt klingen viele ihrer Tagebucheinträge, ein Optimismus, der sich in kleinen Szenen auch auf der Bühne ausdrückt. Anne beschreibt auch ihr Erwachsenwerden, ihre erste Menstruation, die Veränderungen an ihrem Körper. Das unsichere Gekicher im Saal wird vom infernalischen Lärm einen Bombenangriffs übertönt bevor es richtig peinlich wird. Ihr Lebenswille und die Hoffnung auf ein besseres Leben lassen sie die beengte Situation im Hinterhaus erleben Als „Bündelchen Widerspruch" bezeichnet sich Anne in ihrem letzten Eintrag am 1. August 1944, und scheibt „ich weiß genau, wie ich gern sein würde". Ihr Lebenswille und die Hoffnung auf ein besseres Leben lassen sie die beengte Situation im Hinterhaus erleben, die Deportation ins KZ Auschwitz überleben. Wenige Wochen vor der Befreiung des KZ Bergen Belsen stirbt sie dort Anfang 1945, vermutlich an Fleckfieber. Selten war Applaus so verdient und fiel doch so schwer. Das Detmolder Stück „Anne Frank" wird mit dem Stadttheater Herford als Kooperationspartner im Heimwärts-Projekt insgesamt fünf Mal in Herford gezeigt. Das ist ein Landesprojekt, mit dem NRW über das Kultursekretariat Gütersloh Gastspieltheater, also Theater ohne eigene Ensembles, fördert. Unterstützt werden Projekte, bei denen Gastspieltheater wie Herford innovativ mit anderen Theatern oder freier Szene kooperieren.

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