Kreis Herford Carina-Serie: Wie die Stiftung mit "Chancenreich" die Erziehungskompetenz der Eltern stärkt

Studien zeigen, dass sie das sehr erfolgreich macht und das Projekt wirtschaftlich sinnvoll ist

Kreis Herford. Die Carina-Stiftung fördert und begleitet Kinder und Familien auf ihrem Erziehungs- und Bildungsweg. Bei der Entwicklung von Projekten geht die Herforder Einrichtung auch neue Wege - strukturiert, systematisch und mit wissenschaftlichem Hintergrund. Zudem lässt sie die Wirksamkeit ihrer Projekte, für die sie sich Partner in Kommunen und Hochschulen sucht, wissenschaftlich überprüfen. Das am besten untersuchte Programm der Stiftung ist Chancenreich für Familien mit Kindern bis drei Jahre, in dem es darum geht, Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken und die Gesundheit und Entwicklung der Kinder zu fördern. Anreiz ist ein 500-Euro-Bonus, den alle Eltern erhalten, die alle Bausteine nutzen. 2008 habe es erste Überlegungen in der Carina-Stiftung gegeben, ein solches langfristiges Konzept zu etablieren, sagt Carina-Geschäftsführer Hans-Ulrich Höhl. Den Anstoß gaben Erkenntnisse aus dem Kita & Co.-Projekt, die auch durch wissenschaftliche Untersuchungen, zum Bespiel aus dem Perry-Preschool-Projekt in Michigan, USA, gestützt werden. Ergebnis der Studie: Je früher die Unterstützungshilfen, desto wirksamer sind sie. Später hat der Ökonom James J. Hackman das Projekt unter dem Kosten-Nutzen-Faktor geprüft und festgestellt, dass es auch wirtschaftlich ist. Der Verein setzt als Träger das Projekt um Langfristige Projekte im Bildungsbereich mit Wirksamkeitsnachweis gab es aber in Deutschland nicht. Also schaute die Carina-Stiftung danach, welche Bausteine von Modellprojekten sie in Herford sinnvoll umsetzen könnte. Partner bei Chancenreich sind die Stadt und die Stiftung, die den gemeinnützigen Verein Chancenreich gründeten. Der Verein ist Projektträger. Inzwischen wurden mehre als 10.000 Besuche in rund 4.800 Familien durchgeführt, so Geschäftsführerin Beatrix Lüer. Damit erreicht Chancenreich mehr als 60 Prozent der Herforder Familien mit Kindern im Alter bis drei Jahren, Tendenz steigend. Innerhalb der ersten acht Wochen nach der Geburt geht eine Familienbesucherin zu den Eltern - und wird in 85 Prozent der Fälle auch eingelassen. Denn Chancenreich ist in der Stadt bekannt - bei nahezu allen Familien. Dafür sorgt auch ein Erklärfilm auf der Internetseite der Carina-Stiftung. Die Besucherinnen, die nach dem Erstbesuch maximal noch dreimal kommen, bringen einen Elternordner mit, eine Art Gelbe Seiten mit Ansprechpartnern für junge Eltern. Dieser Ordner wird zurzeit durch eine App ersetzt, die alle Informationen des Ordners über das Smartphone bietet. Die Besucherinnen erklären das Chancenreich-Programm und weisen darauf hin, dass 250 Euro Bonus erhält, wer es ein Jahr lang durchläuft, weitere 250 Euro, wer bis zum dritten Geburtstag des Kindes dabei ist. Das ist für viele Eltern Anstoß mitzumachen. Und: "Wir merken sehr schnell, wo Hilfebedarf besteht", sagt Familienbesucherin Inga Sikanja. Junge Eltern seien oft verunsichert und wüssten die Signale des Babys nicht zu deuten. Da viele früh in den Beruf zurückkehren, gehe es dann meist schon beim Erstbesuch um Kinderbetreuung, Kitas und Elternbeiträge. Erklärungen bei Bedarf auch in anderen Sprachen "Wir erklären das ausführlich." Bei Bedarf auch auf Türkisch, Russisch, Englisch - oder mithilfe von Nachbarn, die in anderen Sprachen übersetzen. Voraussetzungen für den Chancenreich-Bonus sind die Teilnahme an Elternkursen, an sämtlichen frühkindlichen Untersuchungen (U1 bis U7), die frühzeitige Anmeldung der Kinder in einer Kita und ab 2020 ein weiterer Kursus für Eltern von Zwei- bis Dreijährigen, der grundlegendes Wissen vermittelt, etwa zur Ersten Hilfe am Kind, zu Babyschlaf und Ernährung. Die Familienbesucherinnen sind das Herz des Chancenreich-Projekts. Sie betreuen jeweils einen Bezirk. Meist bieten sie dort auch Sprechstunden oder ein Müttercafé an, zum Beispiel in der Nordstadt in den Räumen der Diakonie oder an der Birkenstraße zusammen mit dem Sozialdienst Katholischer Frauen. Unterstützung erfahren die Familien auch durch eine Familienhebamme, die Mütter bei Bedarf bis zu sechs Monate nach der Geburt betreut, beispielsweise bei Wochenbettdepression oder großer Überforderung. Ab 1. Oktober gehört zudem eine Familienkinderkrankenschwester zum Team. Sie schaut beispielsweise nach Ursachen, wenn ein Kind permanent schreit und ist bis zum sechsten Monat Ansprechpartner, übernimmt aber auch Aufgaben, die zuvor die Hebammen hatten. Ist weitergehende Hilfe nötig, regen die Familienbesucherinnen auch schon mal an, die Sozialpädagogische Familienhilfe einzuschalten. "Wir erzählen, welche Angebote es gibt und begleiten die Familien, wenn sie dazu bereit sind", sagt Lüer. Haben Eltern nur wenige Kontakte und damit wenig familiäre Entlastung, können sie zudem ein- bis zweimal wöchentlich durch Familienpatinnen unterstützt werden. Das sind freiwillige Helferinnen, die der Kinderschutzbund zuvor als solche qualifiziert hat. "Opstapje" stärkt Eltern im Umgang mit ihren Kindern Seit 2014 bietet Chancenreich zudem das Opstapje-Programm an. Es ist für Familien gedacht, die im altersgerechten Umgang mit ihrem Kind ab dem sechsten Monat gestärkt werden sollen. Koordinatorin Sikanja sorgt dann dafür, dass Hausbesucherinnen eine halbe Stunde die Woche in die Familien gehen, altersgerechtes Spielmaterial samt Erklärungen als Geschenk mitnehmen und den Eltern zeigen, wie sie mit dem Kind spielen. Der Besuch dauert rund eine halbe Stunde und übt Eltern darin, ihren Kindern spielerisch Anregungen zu geben, ihre Entwicklung zu fördern und eine Bindung herzustellen. Am Ende ist die Spielkiste, die sie beim ersten Besuch dabei haben, gefüllt mit hochwertigem Spielzeug. Gruppenaktivitäten der Opstapje-Eltern am Osterfeuer, zur Besichtigung der Stadtbücherei oder Picknick runden das Programm ab. Das Interesse von anderen Städten und Gemeinden am Chancenreich-Projekt ist bundesweit groß. Nach Wissen Höhls sind solche Vorhaben in anderen Kommunen bislang aber am Geld gescheitert. Rund 1,5 Millionen Euro Stiftungsgeld fließen in die aktuelle fünfjährige Projektphase, das entspricht 80 Prozent der Kosten. Die Stadt zahlt die restlichen 20 Prozent. Die Stiftung erwägt, das Projekt auf weitere Kommunen auszudehnen.

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