Kreis Herford Tosca: Stadttheater Herford startet mit viel Applaus in die neue Saison

Musikalisch und darstellerisch überzeugende Inszenierung des Lippischen Landestheaters Detmold

Kreis Herford. Mit Giacomo Puccinis im Jahr 1900 uraufgeführter Oper "Tosca" startete das Herforder Stadttheater am Samstag in die Spielzeit 2018/19. Mit ihrer Mischung aus Gefühlsdrama und Politikkrimi zählt "Tosca" zu den beliebtesten Opern. Dass sie auch inhaltlich immer aktuell war, derzeit sogar aktueller denn je ist, zeigte die Inszenierung des Lippischen Landestheaters. Dabei vertraute Regisseur Ernö Weil ganz auf die Kraft des Stoffes, die Qualitäten seiner Darsteller und des von György Mészáros geleiteten Orchesters. Lediglich die Kostüme suggerieren eine behutsame Aktualisierung, verlegen die Handlung, die eigentlich exakt am 17. Juni und 18. Juni 1800 in Rom während des Zweiten Koalitionskrieges spielt, in die 1950er Jahre. Außerzeitlich sind die anderen Spielorte der Handlung im "ewigen Rom" - Kirche, Engelsburg, ein edles Büro (Ausstattung Karin Fritz). Im Zentrum steht die von Megan Marie Hart grandios gesungene Tosca, die in leisen Liebeserklärungen an den Maler Mario Cavaradossi (Ji-Woon Kim), in ihrer wütenden Ablehnung des intriganten und teils gewalttätigen Buhlens des Barons Scarpia (Insu Hwang) und in der Verzweiflung nach dem Tod des Geliebten stimmlich und physisch von beeindruckender Präsenz ist. Mit ihrem präzisen und flexiblen Sopran deckt sie in ihrer Arie "Vissi d'arte" eine große Breite an Emotionen ab, schön und erschütternd zugleich. Als Sängerin, die sich immer abseits des Ringens zwischen republikanischen und monarchistischen Kräften gehalten hat, gerät sie unversehens in ein politisches Ränkespiel, das die Protagonisten beider Seiten und Unbeteiligte gleichermaßen zerstört. Sie liebt den in einer Kirche an einem Wandbild arbeitenden Cavardossi, nicht ahnend, dass der mit republikanischen Ideen sympathisiert und den aus der Haft entflohenen republikanischen Konsul Angelotti (Benjamin Lewis) verbirgt. Harts Tosca wechselt hier eindrucksvoll von koketter Primadonna zur eifersüchtig Liebenden. Mit stimmlicher und körperlicher Präsenz gibt Hwang den Baron und Polizeichef, der gnadenlos seinen politischen Gegner verfolgt, dabei Toscas Eifersucht ausnutzt und gleichzeitig versucht, sie sich gefügig zu machen. Patriarchale Gewalt, die bis zu einer Fast-Vergewaltigung reicht, und die Macht des autoritären Systems vereinen sich in seiner Figur zu einem Raubtier im Maßanzug von haifischartiger Eleganz - auch das ist aktuell wie eh und je, wie nicht erst die Metoo-Debatte zeigt. Nicht nur in dieser drastischen Szene schwingen in Musik und Gesangspassagen furchterregende, brutale und nicht nur unterschwellig bedrohliche Töne mit. Schon beim Einzug zu einem Tedeum mit Chören steuert Puccini neben Glockengeläut noch Gewehrsalven und Kanonendonner bei. Bei aller historischen Distanz ist die Oper doch immer nah an der Wirklichkeit, die trotz aller künstlerischer Dramatik immer wieder durchklingt. Nachdem Scarpia Tosca schriftlich zugesichert hat, dass Cavaradossi nur zum Schein hingerichtet werden soll, ersticht sie ihn im Streit. Doch die Hinrichtung findet statt, und auch Tosca richtet sich selbst, als sie für den Mord verhaftet werden soll. Es ist Polizeiagent Spoletta (Nando Zickgraf), Vollstrecker im Hintergrund, der lebendig und hintergründig lächelnd die Leichen hinter sich lässt und in die Zukunft schreitet. Der neue Scarpia sieht aus, wie er war - außen und unter'm Haar.

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