Auf historischem Grund: Pfarrer Johannes Beer, Archäologe und Museumsdirektor Matthias Wemhoff, Bürgermeister Tim Kähler, Geschichtsvereinsvorsitzender Eckhard Wemhöner und Superintendent Michael Krause freuen sich, dass die Ausgrabungen zugänglich gemacht werden. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Auf historischem Grund: Pfarrer Johannes Beer, Archäologe und Museumsdirektor Matthias Wemhoff, Bürgermeister Tim Kähler, Geschichtsvereinsvorsitzender Eckhard Wemhöner und Superintendent Michael Krause freuen sich, dass die Ausgrabungen zugänglich gemacht werden. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Eröffnung des Stiftstages: Plädoyer für europäisches Denken

Der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff, kam als Festredner aus Berlin. Für ihn bleibt das Archäologische Fenster ohne Wolderuskapelle ein Fragment

Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Vor ziemlich genau 30 Jahren legte ein gerade 23 Jahre alter Archäologiestudent die Überreste der bedeutenden mittelalterlichen Reichsabtei für hochadelige Frauen am Münster frei, machte spektakuläre Funde und begeisterte die Herforder mit jungenhaftem Charme für ihre eigene, offenbar große Geschichte. Gestern kam Prof. Dr. Matthias Wemhoff als Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin zurück an die Stätte seines frühen Erfolges, um in einem Festvortrag zur Eröffnung des 1. Herforder Stiftstages abermals die Leidenschaft für die starken "Frauen von Herford" zu wecken. Rund 500 Gäste folgten im Münster seinen Worten, mit denen er gegen ein nationalistisches und für ein europäisches Denken warb, wie es auch im Herforder Stift mit seinen weitreichenden Kontakten in den Kontinent geherrscht habe. Die Idee, junge Kundschafter auf den Spuren dieser Verbindungen auf Reisen zu schicken, nannte er beispielhaft. Die schrecklich schmerzhafte Furunkel am Gesäß des Adeligen Erp, der gegen den Stiftsgründer und ein dreitägiges Fest zu seinen Ehren gestänkert hatte, und seine göttliche Heilung nach gelobter Verehrung des Heiligen Mannes nahm Wemhoff als Beleg aus der Vita Waltgeri dafür, dass man im übertragenen Sinne seine menschliche Gestalt verliert, wenn man seine kulturellen Bezüge vergisst. Er freute sich, dass an diesem Wochenende wieder drei Tage gefeiert wird. Wemhoff nahm Erps Geschick auch als Seitenhieb auf die Herforder, die vor Jahren ein Museum am Münster verschmäht hatten. "Es kann ein fester Ort im Stadtspaziergang werden." Gleichwohl hält er es für möglich, dass ein zwanglos und immer zugängliches Archäologisches Fenster heutigen Gewohnheiten besonders entsprechen könnte: "Es kann ein fester Ort im Stadtspaziergang werden." Das Areal nördlich des Münsters war früher nur Stiftsangehörigen zugänglich und, so Wemhoff, es "bietet besondere Geheimnisse". Und Geheimnisse lieben die Menschen ja. Das Archäologische Fenster, das 2020 geöffnet werden soll, bleibt für ihn immer Fragment, so lange die Wolderuskapelle nicht ganz einbezogen wird: "Ich verstehe nicht, wie man sie auf 99 Jahre vermieten konnte." Es ist seit Jahrzehnten Gotteshaus der griechisch-orthodoxen Gemeinde. Matthias Wemhoff erinnerte an seine eigene Überraschung, als seine Ausgrabung viele Beschreibungen aus der Vita Waltgeri bestätigte. Er sah auch den Zusammenhang zur überlieferten Visionsgeschichte, in der Maria die Äbtissin vor zu prunkvoller Bauweise warnte. Die Menschen seien heute mobiler denn je, stellte Wemhoff fest. Alle müssten aber Heimat finden. Der Herausforderung müsse man sich stellen, und ihnen die identitätsstiftenden Geschichten des Ortes erzählen. Der Stiftstag geht heute ab 11 Uhr und morgen ab 10 Uhr weiter mit einem weit gefächerten Programm rund um die Münsterkirche. Damit, so der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Eckhard Wemhöner, wolle man auch junge Menschen für ihre Geschichte begeistern.

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