Organspende: Pro und Contra zur Wiederspruchslösung. - © picture alliance / imageBROKER
Organspende: Pro und Contra zur Wiederspruchslösung. | © picture alliance / imageBROKER

Kreis Herford Kontroverse Diskussion über Wiederspruchsregelung bei Organspende

Die NW sprach mit Zuständigen verschiedener Kliniken und einem Organempfänger

Natalie Gottwald

Kreis Herford. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plädiert für eine Widerspruchslösung bei der Organspende. Künftig solle jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, solange er oder die Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen. "Ich habe das schon damals gesagt, dass Deutschland sich ein Beispiel an Nachbarländern wie Österreich nehmen soll - die haben die Widerspruchslösung schon seit Jahren", sagt Heinz-Hermann Rieke. Er hat vier Jahre lang auf eine neue Niere gewartet, von 2007 bis 2011. Am 19. September 2011 bekam der heute 80-Jährige den erlösenden Anruf aus Hannover - innerhalb von drei Stunden musste er da sein. Dann wurde transplantiert. "In knapp zwei Wochen feiere ich wieder Geburtstag, den siebten", sagt Rieke. Wenn er könne, würde er seinem anonymen Spender nur eines sagen: "Danke, danke, danke!" »Es ist gut, dass die Diskussion wieder in Gang kommt« Für Rieke ist klar: Jeder Mensch sollte sich zumindest mit der Frage beschäftigen, ob er Organspender sein will. "Und wer sich dagegen entscheidet - zum Beispiel aus ethischen Gründen - den würde ich fragen, was er tun würde, wenn sein Kind oder seine Ehefrau ein Organ bräuchten." Sein gesamter Bekanntenkreis und auch seine Familie hätten Organspender-Ausweise, sagt Rieke. Dr. Peter Lorenz, Anästhesist und Transplantationsbeauftragter am Lukas-Krankenhaus in Bünde, ist froh, "dass die Diskussion um das Thema durch den Vorstoß des Gesundheitsministers endlich wieder in Gang kommt". Alle zwei bis drei Jahre gebe es im Bünder Krankenhaus eine Explantation. "Die Vorgaben rund um die Hirntod-Diagnostik sind ganz klar. Das muss alles zu 100 Prozent gesichert sein", sagt Lorenz, der von sich selbst sagt, er sei "pro Widerspruchslösung". Er höre einfach zu häufig im Gespräch mit überforderten Angehörigen den Satz: "Darüber haben wir nie gesprochen." Dr. Egbert Schlüter, Anästhesist und Transplantationsbeauftragter am Klinikum Herford, hat Vorbehalte gegen die diskutierte Widerspruchslösung. "Wir werden in unserem Alltag weiter auf Angehörige treffen, die nicht informiert und überfordert sind", sagt er. Und die Unsicherheit, ob man wirklich vom Einverständnis ausgehen könne, nur weil nicht widersprochen wurde, die bleibe. "Meiner Meinung nach hätte seit Jahren - auch seitens der Krankenkassen - viel mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden können. Dass man das vernünftig macht, ist für mich definitiv der erste Schritt, bevor man einen Akt aus der Freiwilligkeit heraus in eine Pflicht ummünzt." Am Klinikum Herford seien in den vergangenen neun Monaten vier Explantationen durchgeführt worden, so Schlüter. Im Durchschnitt seien es ungefähr zwei pro Jahr. Noch viel kritischer steht Georg Rüter aus der Geschäftsführung der Katholischen Hospitalvereinigung Ostwestfalen dem Vorschlag der Widerspruchslösung für Organspenden gegenüber. Die Hospitalvereinigung ist zuständig für das Franziskus-Hospital in Bielefeld, das Mathilden-Hospital in Herford und das Sankt-Vinzenz-Hospital in Rheda-Wiedenbrück. "Für uns mit unseren kirchlichen Häusern ist diese Frage eine echte Grenzfrage", so Rüter. Im Mathilden-Hospital werde ungefähr alle zwei Jahre eine Explantation durchgeführt. "Wir haben eine Grundsatzposition für die Organspende, wir fördern sie, wir führen die Explantation durch und wir unterstützen sie. Aber das tun wir, weil wir den derzeitigen Stand der Forschung zugrunde legen", sagt Georg Rüter. Es könne sein, dass die Neurowissenschaften in zehn Jahren ganz andere Erkenntnisse zu dem Thema hätten, wann ein Mensch wirklich für tot zu erklären sei. "Auch heute schon gibt es ganz andere medizinische Gerätschaften als vor zehn Jahren", so Rüter, für den eines ganz klar ist: "Ein Organspender ist nicht tot, sondern ein Sterbender. Wäre er wirklich tot, wären seine Organe innerhalb weniger Minuten nichts mehr wert." Das Wort Organspende verweise darüber hinaus auch auf den Grundsatz der Freiwilligkeit, so Rüter weiter. "Wenn ich mich aktiv entscheide, meine Organe spenden zu wollen, so ist das ein Akt der Nächstenliebe. Ich helfe damit Menschen, die ohne meine Hilfe zwar sterben würden. Aber nicht ursächlich an der fehlenden Organspende, sondern an ihrer Krankheit." Egbert Schlüter sieht - jenseits der aktuell diskutierten Widerspruchslösung - noch eine Chance, die Organspendezahlen vielleicht wieder zu erhöhen: "Im Bereich der Vorsorge-Vollmachten kann man dieses Thema eigentlich nicht aussparen. Wenn man ein professionelles Formular zugrunde legt, muss es angesprochen werden", so Schlüter. Es gebe dort die Möglichkeit, für den Betroffenen zwar auszuschließen, dass lebenserhaltende Maßnahmen eingesetzt werden, aber es gebe zusätzlich die Möglichkeit, die sogenannte Intensivmedizin für die Entnahme von Organen doch zu erlauben. Gute Vorsorge-Vollmachten fragen Bereitschaft ab "Wir brauchen diese Zeit, um die Vorgaben der Hirntod-Feststellung einzuhalten. Und in diesem Bereich liegt auch ein Grund dafür, dass die Spenderzahlen so zurückgegangen sind. In einem Großteil der Vorsorge-Vollmachten werden lebenserhaltende Maßnahmen einfach grundsätzlich ausgeschlossen." Es sei aber wichtig, den Punkt der Organspende gesondert anzusprechen. "Dann fühlen sich die Angehörigen auch sicherer." Sowohl auf der Website des Lukas-Krankenhauses Bünde als auch auf der des Klinikums Herford kann man sich professionelle Formulare für Vorsorge-Vollmachten herunterladen. www.lukas-krankenhaus.de www.klinikum-herford.de

realisiert durch evolver group