Die Wahrscheinlichkeit, von den im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen betroffen zu sein, ist zwar gering. Aber viele sind nicht richtig über die Risiken aufgeklärt. - © Pexels
Die Wahrscheinlichkeit, von den im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen betroffen zu sein, ist zwar gering. Aber viele sind nicht richtig über die Risiken aufgeklärt. | © Pexels

Herford Wenn das Antibiotikum Nebenwirkungen zeigt

Ende Mai bekam die Herforder Gina de Nuccio wegen einer leichten Blasenentzündung ein Antibiotikum verschrieben. Noch heute kämpft sie mit den Nebenwirkungen

Herford. Weniger als einer von 10.000 sei von schweren Nebenwirkungen betroffen. Das könne eine Tendinitis (Sehnenentzündung) sein bis hin zu einem Sehnenriss, der vorwiegend an der Achillessehne auftrete. Das steht im Beipackzettel des Antibiotikums „Cipro Basics, 250 mg". Die Packung hat Gina de Nuccio aufgehoben. Nur 48 Stunden nach Einnahme der ersten Tablette bekam sie Schmerzen in den Gelenken, konnte ihren linken Fuß kaum noch bewegen. Das war Ende Mai. „Und erst jetzt wird es langsam besser", sagt die Künstlerin, die in Herford lebt und ein Atelier in Bielefeld hat. Eigentlich war die 53-Jährige, die aus Amerika stammt, am 30. Mai wegen einer leichten Blasenentzündung zu ihrem Hausarzt gegangen. „Ich hatte es zunächst zu Hause mit Tee und Cranberrysaft versucht, aber nachmittags ging es nicht mehr", erzählt sie. Der Arzt verschrieb ein Antibiotikum, doch Gina de Nuccio vertrug es nicht. „Ich bekam Durchfall und die Blasenentzündung ging nicht weg. Also ging ich wieder zum Arzt." Gelenkschmerzen, Herzrasen und „böse Gedanken" Dass dieser nun Ciprofloxacin – ein Antibiotikum aus der Gruppe der Fluorchinolone – verschrieb, sei grundsätzlich eine gängige Indikation, sagt Dr. Olaf Elsner, Vorstandsmitglied des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe und Apotheker in Gütersloh. „Das ist ein Breitband-Antibiotikum, mit dem man sehr viele verschiedene Keimarten erwischen kann", sagt er. Die Blasenentzündung war 48 Stunden nach Einnahm der ersten Tablette aber nur noch Gina de Nuccios geringstes Problem. „Ich hatte immer noch starken Durchfall, bekam schlimme Schmerzen in allen Gelenken, konnte kaum noch laufen und hatte Herzrasen", sagt sie. Außerdem habe sie „ganz böse Gedanken" gehabt. „Ich bin eigentlich ein sehr positiver Mensch, und ich habe mich selbst nicht wieder erkannt. Ich war wirklich depressiv." Grundsätzlich habe jedes Arzneimittel seinen Preis, sagt Dr. Walter Martin Manzke, Leiter der Krankenhaus-Apotheke am Klinikum Herford. „Allerdings ist das Auswählen eines Medikamentes bei Ärzten immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung", fügt er hinzu. „Es kommt darauf an, wie schwer die Erkrankung ist. Die Empfehlung lautet, dass Fluorchinolone Reserveantibiotika sind. Die Nebenwirkungen sind zu schwer, um sie für eine Bronchitis, eine Nasennebenhöhlenentzündung oder eben für eine leichte bis mittlere Blasenentzündung in Kauf zu nehmen." Bei mehr oder weniger banalen Infektionen sei diese Art der Antibiotika nicht angezeigt. Eine Gratwanderung zwischen Aufklärung und Verunsicherung Das sieht auch Gina de Nuccio so. „Ich war ja quasi gesund. Man hätte mich zumindest über diese schweren Nebenwirkungen aufklären müssen, auch wenn sie nur so selten vorkommen. Ich hätte die Tabletten nicht genommen." Den Beipackzettel des ersten Antibiotikums habe sie noch gelesen, den des zweiten nicht mehr. „Das passiert mir nicht noch einmal", sagt sie. Apotheker hätten grundsätzlich eine Beratungspflicht, erklärt Olaf Elsner. „Allerdings beschränkt sich das auf die Nebenwirkungen, die am häufigsten vorkommen – das sind bei einem solchen Antibiotikum beispielsweise Magenprobleme und Durchfall." Wenn er jeden Kunden, der zu ihm in die Apotheke komme, über sämtliche mögliche Nebenwirkungen eines Medikamentes aufklären würde, sei dieser total verunsichert. Und das sei sicher nicht das Ziel einer vertrauensbildenden Beratung. „Das ist immer eine Gratwanderung zwischen Aufklärung und Verunsicherung", so Elsner. Er könne grundsätzlich nachvollziehen, was Hausärzte dazu veranlasse, schnell zu den Fluorchinolonen zu greifen, so Manzke. Ärzte haben wenig Zeit und Patienten wollen schnelle Hilfe „Die Ärzte haben wenig Zeit pro Patient, und der Patient erwartet auch schnelle, unkomplizierte Hilfe. Dennoch sollten sie sich Zeit nehmen", sagt der Chef-Apotheker. Wenn dann doch Fluorchinolone verschrieben würden, sollte den Patienten Folgendes mit auf den Weg gegeben werden: „Die Tabletten immer zur gleichen Zeit einnehmen, Abstand nehmen von Eisen- und Magnesiumpräparaten, Sonne meiden und – wenn Sie sich irgendwie anders fühlen oder Scherzen an Gelenken und Sehnen haben, kommen Sie sofort wieder." Die Gelenkschmerzen und die Entzündung der Achillessehne, mit denen Gina de Nuccio noch bis vor Kurzem zu kämpfen hatte, haben die Künstlerin ihren erst kurz vor der Erkrankung angetretenen Teilzeitjob als Haushälterin gekostet. „Ich konnte mich ja kaum bewegen. Und in meinem Atelier in Bielefeld, in dem ich auch alte Möbel restauriere, konnte ich auch lange nichts tun." Doch jetzt, nach gut zweieinhalb Monaten, wo es ihr endlich besser gehe, wolle sie unbedingt wieder arbeiten und nach vorne schauen. „Das war eine schlimme Zeit, aber die liegt jetzt hinter mir", sagt sie. Vor ähnlich schlimmen Zeiten will sie allerdings jetzt andere Menschen bewahren. „Ich finde es wichtig, dass die Leute aufgeklärt sind über mögliche Risiken – auch wenn ich nur eine von 10.000 bin – es hat mich schließlich dennoch getroffen." Gina de Nuccios grundsätzlicher Tipp: „Lest die Beipackzettel und stellt Euren Ärzten Fragen!"

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