Mittagszeit: Ein Opel Olympia Rekord steht einsam vor dem Kleinbahnhof. - © Sammlung Heino Uekermann
Mittagszeit: Ein Opel Olympia Rekord steht einsam vor dem Kleinbahnhof. | © Sammlung Heino Uekermann

Herford Auflösung Mittwochrätsel: Früher hatte Herford einen Kleinbahnhof

Am früheren Bahnhof gibt es eine nach dem Gebäude benannte Nebenstraße der Goebenstraße

Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Das Rätselfoto zeigte den früheren Herforder Kleinbahnhof. Das Gebäude, in dem heute die Betriebskrankenkasse HMR ihren Sitz hat, hat die Adresse "Am Kleinbahnhof 5". Leider gibt es kein Straßenschild an der zwischen Tankstelle und früherem Praktikermarkt liegenden Einmündung zur Goebenstraße des selten genutzten Weges. Heino Uekermann gibt einen Überblick über die Geschichte der Kleinbahn: "Das Bahnhofsgebäude - um 1960 fotografiert - ist das einzige Relikt, das von den Gebäuden und umfangreichen Gleisanlagen des Herforder Kleinbahnhofs erhalten geblieben ist. Das meterspurige Kleinbahnbahnnetz führte auf dem 18 Kilometer langen westlichen Teil nach Wallenbrück. Auf dem 20 km langen östlichen Teil ging es durchs Stadtgebiet mit Haltestellen am Lübbertor, Bergertor und Friedenstal über Bad Salzuflen und Exter nach Vlotho. Der Fahrzeugpark bestand in den Anfangsjahren aus fünf Dampflokomotiven, acht Personenwaggons, drei Post- und Gepäckwagen und 38 Güterwaggons. Die Züge waren größtenteils gemischt aus Personen- mit angehängten Güterwagen. Während zwischen Herford und Wallenbrück der Berufsverkehr dominierte, war von Herford nach Vlotho der Ausflugsverkehr ins Lipperland und der Badeverkehr nach Bad Salzuflen von besonderer Bedeutung. Anfang der 1920 Jahre erreichten die Beförderungszahlen mit 1,5 Millionen Fahrgästen den höchsten Stand seit der Eröffnung des Kleinbahnbetriebs 1900. 1944 nutzten rund vier Millionen Fahrgäste die Züge Ein wichtiges Standbein war der Güterverkehr. Die Landwirtschaft, der Westhafen in Vlotho, der Kohletransport und insbesondere die Firmengleisanschlüsse waren von Bedeutung. Bis 1930 waren 30 Firmengleise angeschlossen. Das Material für die Produktion und den Abtransport der hergestellten Güter wurde entweder am Kleinbahnhof aus den normalspurigen Güterwaggons der Reichsbahn in die schmalspurigen Kleinbahnwaggons umgeladen oder man stellte die Reichsbahnwaggons auf Rollböcke und transportierte sie so ohne zeitaufwendiges Umladen direkt zu den Abladestellen. 930 übernahmen die Elektrizitätswerke Minden-Ravensberg auf der Suche nach neuen Stromabnehmern sämtliche Geschäftsanteile der Gesellschafter der Herforder Kleinbahnen GmbH. Zur Stromversorgung wurde am Kleinbahnhof ein Gleichrichterwerk mit einer Gleichstromspannung von 1.500 Volt gebaut. Der elektrische Fahrbetrieb wurde im August 1930 aufgenommen. 1944 nutzten rund vier Millionen Fahrgäste die Züge. Am 16. November 1944 wurden an der Goebenstraße die Bahnanlagen, das Gleichrichterwerk zur Stromversorgung, das Bahnhofsgebäude und ein danebenliegendes Wohnhaus für Bahnbedienstete durch 14 Bombentreffer stark beschädigt. Bis Mitte Dezember 1944 ruhte der Bahnbetrieb und konnte erst Anfang Juni 1945 stark eingeschränkt wieder aufgenommen werden. In den 1950er Jahren waren die Beförderungszahlen bis 1957 mit jährlich 3 Millionen konstant gut, fielen jedoch dann stetig. Das führte zu verminderten Einnahmen und erheblichen Verlusten. Die Einstellung des Kleinbahnenbetriebs kam in Etappen. Am 1. August 1962 lief die Konzession für die Benutzung des auf lippischem Gebiet liegenden Streckenabschnitts ab. Deshalb musste bis Ende 1962 über die Hälfte des Kleinbahnbahnnetzes zwischen Herford/Bergertor und Vlotho stillgelegt werden. Wegen Umbaus der Lübbertorbrücke musste am 1. Juni 1964 auch zwischen Herford/Bergertor und dem Kleinbahnbahnhof der Betrieb eingestellt werden. Die Beförderungszahlen sanken dadurch um 50 Prozent. Damit war das Ende des Kleinbahnbetriebs besiegelt. Am 24. April 1966 fuhr der letzte Zug von Herford nach Spenge und zurück. Der Güterzustellverkehr zu den letzten vier im Herforder Stadtgebiet noch verbliebenen Firmengleisanschlüssen endete am 30. Juni 1966." Nur das Bahnhofshauptgebäude ist übrig geblieben Gerhard Heitholt schreibt: "Wer's genau nimmt: das Gebäude liegt an der Straße 'Am Kleinbahnhof' und trägt die Hausnummer 5. Als eigentliche Straße gibt es diese aber schon lange nicht mehr, bzw. wurde völlig umgestaltet. Zu Zeiten der aktiven Herforder Kleinbahn lief diese Straße als Stichstraße von der Goebenstraße aus, gegenüber dem heutigen SWK-Gelände, geradewegs auf das Kleinbahngebäude zu. Dahinter waren dann, begrenzt durch den Bahndamm der Bundesbahn, die doch recht umfangreichen Gleisanlagen des Kleinbahnhofes einschließlich eines Bundesbahnanschlusses für Güterverkehr. Bei der Umgestaltung des Kleinbahnareals in den kommenden Jahrzehnten blieb von den ganzen Bahnhofs- und Gleisanlagen eigentlich nur dieses (schöne!) Bahnhofshauptgebäude übrig. Es beherbergt nun die Betriebskrankenkasse Herford Minden Ravensberg, hervorgegangen aus unserem damaligen Monopolstromversorger 'Elektrizitätswerke Minden Ravensberg', welches seinerzeit auch die Kleinbahn betrieb. Häuser an der früheren Zufahrtstrasse, vor allem das große Gebäude des Landhandels 'Saatstelle' mit eigenem Gleisanschluss wurden seinerzeit abgerissen. Es entstand ein Baumarkt (heute pleite) und daran anschließend ein neues Depot für die EMR-Busse. Als Opel-Fahrer in früheren Jahren kann ich den abgebildeten PKW als Olympia Rekord des Modelljahres 1957 identifizieren, ich meine, es gab schon schöne Autos in der Wirtschaftswunderzeit. Als Unterscheidung zum Kleinbahnhof hieß der Bahnhof der großen Bundesbahn hier im allgemeinen Sprachgebrauch natürlich Hauptbahnhof. Nicht aber so, auch heute noch im bekannten Ostseebad Binz auf Rügen: Dort hält die Rügensche Kleinbahn, bekannt als der Rasende Roland, im Kleinbahnhof, während die Deutsche Bahn, ganz offiziell - Schilder vor Ort belegen das - in den 'Großbahnhof' einfährt; ein kleines sprachliches Kuriosum meine ich, zumal als Endbahnhof auch kaum weitere Gleise vorhanden sind. Nur der Mond beleuchtete die Kiebitzstraße Noch eine verbürgte Schmunzelanekdote aus meinem Elternhaus: Als junges Mädchen wurde meine Mutter hier in der Stadt mal von irgendwelchen Schlingeln gefragt, wo es denn zum Katholischen Bahnhof gehe...? 'Hmmm...? so viele Evangelische wohnen hier, das muss dann der andere, der Kleinbahnhof sein...' Angeblich soll der Schabernack aber schnell durchschaut worden sein." Bernd Wilhelms schreibt: "Das Gebäude stellte als stattliches Bahnhofsgebäude bis 1966 das Zentrum eines Kleinbahnnetzes von Wallenbrück über Enger, Herford, Bad Salzuflen, Wüsten bis nach Vlotho dar. In den fünfziger Jahren zuckelte ich mit meinen Eltern vom Füllenbruch durchs Tal nach Enger, um die Großeltern zu besuchen. Der Rückweg bedeutete abends im Winter bei Dunkelheit von der Haltestelle die unbefestigte und unbeleuchtete Kiebitzstraße hinauf bis zur Engerstraße zu laufen. Man war dankbar für Mondnächte. Ein weiteres Erlebnis war ein Ausflug in der 4. Klasse, als wir mit Herrn Gräfe mit der Kleinbahn von Herford nach Vlotho bis zum Schiffsanleger, von dort mit einem Fahrgastschiff bis zur Porta fuhren, dann hinauf zum ,Willem? liefen und anschließend das Ganze wieder zurück." Klaus-Dieter Stork meint: "Das Foto mit dem geparkten Opel hat symbolhafte Bedeutung. Schließlich wurde die Herforder Kleinbahn in den 1960er Jahren stillgelegt, weil sie der Konkurrenz zum Automobil nicht mehr gewachsen war. Als Kind bin ich mit meiner Großmutter häufig mit der Elektrischen nach Enger und Bad Salzuflen gefahren." Mit der Kleinbahn ins Sole-Wannenbad nach Salzuflen Rita Frentrup schreibt: "Früher hat mein Mann mit seiner Mutter die Kleinbahn genutzt, um nach Bad Salzuflen zu fahren und dort im Leopoldbad ein Sole-Wannenbad zu genießen." Barbara Klein erinnert sich: "Mein erstes Auto war ein 18 Jahre alter Opel Kadett. Ähnlich wie auf dem Foto. Deshalb fand ich das Bild auch sehr schön." Burkhard Weier meint: "Das Gebäude hat sich glücklicherweise in den ganzen Jahren äußerlich kaum verändert und gehört zu den Schmuckstücken Herfords. Wer übrigens auf den wenigen noch vorhandenen Spuren der Herforder Kleinbahn wandeln will, dem sei ein Besuch des Kleinbahnmuseums Enger empfohlen. Dort ist der liebevoll restaurierte Wagen Nr. 31 der Herforder Kleinbahnen GmbH zu besichtigen." In dem Engeraner Museum ist auch als Leihgabe ein Quecksilberdampfglasgleichrichter zu sehen, den Elektroingenieur Klaus Nowitzki aus dem sogenannten Gleichrichtergebäude bei dessen Abbruch 1968 "für eine Flasche Wacholder" gerettet hat. Er sieht aus wie eine Art Riesenglühbirne von über ein Meter Höhe. Nowitzki schreibt: "Der Gleichrichter wandelte Drehstrom in Gleichstrom (1.600 V, 500 A). In dem Gebilde befindet sich ein 1,5 Liter großer Quecksilberteich. Es steht in einem gepolsterten Gestell, ist sehr empfindlich, aus hauchdünnem Glas und ein Meisterstück industrieller Glasbläserkunst. Als Halbleiter ist so ein Teil heute so groß wie eine kleine Pille."

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