Trügerisch: Ausflügler und Schweine betrachten sich neugierig. Neben der großformatigen Arbeit hängen kleinere, die Teile geschlachteter und verarbeiteter Schweine zeigen. Die Verdrängung des Zusammenhangs von Leben und Tod ist ein Thema Gunther Grabes. - © Ralf Bittner
Trügerisch: Ausflügler und Schweine betrachten sich neugierig. Neben der großformatigen Arbeit hängen kleinere, die Teile geschlachteter und verarbeiteter Schweine zeigen. Die Verdrängung des Zusammenhangs von Leben und Tod ist ein Thema Gunther Grabes. | © Ralf Bittner

Herford Maler Gunther Grabe: Die Ambivalenz der Idylle

Herforder Kunstverein: Rund 70 Arbeiten sind zwischen 2010 und 2018 entstanden. Die klaren Werke sind aber doppeldeutiger als sie scheinen

Herford. "Heiter bis bedeckt" nennt der 1957 in Lage geborene und in Bielefeld lebende Gunther Grabe seine Ausstellung im Herforder Kunstverein. Seine Motive findet der Maler in der Natur, seine Mal- und Zeichenweise ist gegenständlich, spielt aber oft mit einer zweiten Ebene unter der trügerisch-idyllisch scheinenden Oberfläche. Trotz ihrer oft zarten Leichtigkeit sind die Objekte seiner Betrachtung - Schweine, Hasen, Kühe, Landschaften - in den Bildern fast greifbar präsent. In die Idyllen tritt der Mensch oft ausgestattet mit Rucksack als Besucher in die scheinbar heile Welt. Oft fotografiert er mit dem Smartphone, unfähig das Gesehene ohne diesen technischen Filter zu erfahren. Auch die Bilder der Ausstellung fordern zum genauen Hinsehen auf: Ein riesiges Panorama scheint eine Heidelandschaft zu zeigen, tatsächlich ist es ein abgeerntetes Feld. Allein die violette Färbung der Schatten führt den Betrachter auf diesen Irrweg. "Schatten sind immer farbig, auch wenn wir sie meist nur als dunkel wahrnehmen", sagt Grabe. Hinsehen und Aushalten Hinsehen und Aushalten ist in der "Schweineecke" gefordert, in der ein großes Sehstück eine offensichtlich städtische Familie zeigt, die eine Idylle mit freundlich dreinblickenden Schweinen betrachtet. Eine Reihe kleinformatigerer Arbeiten, die Teile des verarbeiteten toten Schweines zeigen, hängt daneben. "Viele Menschen lieben Tiere und ihr Fleisch, verdrängen aber den Akt des Schlachtens", sagt Grabe. Diese schizophrene Art der Weltbetrachtung sorgt in seinen Bildern oft für jene zweite Ebene, die sich über die Heiterkeit schiebt. Leben, Liebe und Tod gehören für Grabe zusammen. In einem Beinhaus in Hallstatt stieß er auf eine Sammlung von über 600 kunstvoll bemalten menschlichen Schädeln, von denen einige als Zeichnungen in seinem "Fries des Lebens" neben Impressionen vom Grünen Band", der ehemaligen DDR-Grenze, zu sehen sind. Mit Rotwein übermalte Skizzen von Reh- oder Schweineteilen greifen das Thema Vergänglichkeit doppelt auf: Durch das Motiv und durch den nicht lichtechten Wein, dessen Farbe sich mit der Zeit verändert. Kunstgeschichtliche Zitate und Bezüge Oft schauen Hasen den Betrachter an. "Für die einen ist das Dürer, für andere Polke oder Beuys", sagt der Künstler, dessen Arbeiten voller kunstgeschichtlicher Zitate und Bezüge sind. Deutlich wird das in seinen Übermalungen von alten Ausstellungsplakaten wie etwa "Spaniens Meister des Lichts" in München. Grabe schafft es, Plakatmotiv und Arbeitsweise des Künstlers Sorolla gleichzeitig zu zitieren und mit Ironie aufzuladen. Noldes Rauchwolken aus Dampferschloten wabern bei ihm düster-dräuend über dem Wolfsburger VW-Kraftwerk - eine Beobachtung aus dem Zugfenster mischt sich mit Kunsthistorie. Doppeldeutigkeit, mal witzig mal mahnend-ernst, finden sich in vielen der rund 70 Arbeiten, die ab Sonntag im Pöppelmann-Haus zu sehen sind. Grabe spielt dabei meisterhaft gleichzeitig mit unserer Sicht auf die Welt und dem Blick auf die Kunst.

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