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Rettungswagen: Die beiden Fahrzeuge stehen auf der gesperrten Bielefelder Straße. - © Peter Steinert
Rettungswagen: Die beiden Fahrzeuge stehen auf der gesperrten Bielefelder Straße. | © Peter Steinert

Herford Herforder Einsatzkräfte werden zunehmend von Gaffern behindert

Die sogenannten Crash-Touristen erschweren die Arbeit am Tatort und könnten Ermittlungen verfälschen. Valide Zahlen liegen aber nicht vor

Peter Steinert
08.01.2018 | Stand 09.01.2018, 12:07 Uhr
Jobst Lüdeking

Herford. Der Polizist läuft auf den Acker. Er vertreibt dort Männer, die sich an dem Fahrzeugwrack zu schaffen machen. Ein anderer Mann steht zusammen mit weiteren Personen direkt an dem abgerissenen Heck des schwarzen BMW. Neben der Gruppe haben sich Personen an und um die Reste des Wagens eingefunden.

Es sind Szenen aus der Nacht zum Samstag, die nach dem Unfall mit zwei Schwerstverletzten (25, 23) an der Bielefelder Straße zu sehen waren. Die Personen, die teils sogar die Absperrung über Feldwege umfahren haben, werden von Polizei und Rettungskräften einer Kategorie zugerechnet: Gaffer. Und diese Crash-Touristen werden zu einem zunehmenden Problem. Sie behindern nicht nur die Beamten bei ihrer Arbeit sondern geben den ebenfalls anwesenden Angehörigen der Verunfallten kein gutes Gefühl.

Gaffer behindern die Einsatzkräfte

„Wir beobachten das mit Sorge und stellen fest, dass es immer mehr solche Fälle gibt auch wenn es keine validen Zahlen gibt", erklärt Polizeisprecher Steven Haydon, angesprochen auf die Beobachtungen an der Bielefelder Straße. Beamte würden von diesem Personenkreis, der ein großes Anspruchsdenken habe, häufig behindert.

„Die eigentlichen Aufgaben von Kollegen an einem Unfall- oder an einem Tatort sind Unfall- und Tatortaufnahme und Sicherung. Sie haben in der Regel nicht die Zeit, sich auch um Gaffer zu kümmern." Das sei personell meist nicht zu leisten, betont Haydon.

Gaffer könnten Ermittlungen verfälschen

Unfallorte, gerade nach schweren Zusammenstößen, werden von den Experten des Verkehrskommissariats genau so behandelt wie der Ort einer Straftat. Spuren werden mit Spezialkameras erfasst, die Daten später in einen Computer eingegeben und bearbeitet. Von Gaffern verfälschte oder zertrampelte Spuren können damit zu massiven Probleme führen.

Dabei ist es nicht das reine Gaffen samt des Betretens von Unfallorten, die die Polizisten ärgern – aber vor allem beschäftigt. „Wir haben auch immer mehr Probleme mit dem Fotografieren und dem Videografieren", erklärt Haydon weiter. Häufig werde von der Personengruppe, die überdies einen hohe Affinität zu sozialen Netzwerken haben nach folgender Maxime gehandelt: „Erst gaffen, dann helfen, wenn überhaupt geholfen wird", stellt Haydon fest.

Gaffer erhalten Strafbefehle

Dabei können Gaffen schon sehr wohl als Straftat bewertet und auch geahndet werden. Weitergehende Gesetzesinitiativen die schärfer Strafen vorsehen, wurde 2017 eingebracht. Personen, die die Löscharbeiten behindern sind auch für Herfords Feuerwehrleute ein stetes Problem. „Da muss man manchmal wirklich die Zähne zusammenbeißen", erklärt Feuerwehrchef Michael Stiegelmeier, angesichts von Personen, die etwa am Brandort einfach mal einen Blicks ins Gebäude werfen wollen. Und manche dieser Menschen sähen ihre Verfehlungen nicht mal ein.

Bei dem Vorstoß, Gaffen härter zu bestrafen, ist der Feuerwehrchef skeptisch. „Aus meiner Sicht müssen wir eine Kultur schaffen, die bereits Kindern im Kindergarten vermittelt, sich aus Anstand und Pietät gegenüber den Opfern erst gar nicht in den Weg zu stellen." Wenn es härter Strafen geben solle, dann müssten die auch durchgesetzt werden , sagt Michael Stiegelemeier.

„Wenn wir die Möglichkeiten haben, Verstärkungskräfte anzufordern, können wir Gaffen unterbinden und verfolgen", erklärt Haydon. So, wie es die Polizei nach einem schweren Unfall an Umgehungsstraße im Oktober 2016 zeigte. Ein Bielefelder Autofahrer war nach einem medizinischen Notfall verstorben. Mehrerer Autofahrer hatten den sterbenden Mann gefilmt. Diese Gaffer erhielten danach Strafanzeigen und zwischenzeitlich auch Strafbefehle.