0
Grenzüberschreitend: Margret Oetjen ( hi. v.l.) und Inga Grunwald interpretieren Mutlu Yilmazers Komposition nach der Rückert-Übersetzung eines Textes des Persers Rumi. Susanne Baumann-Brown spielt in der Marienkirche dazu die Geige. - © Ralf Bittner
Grenzüberschreitend: Margret Oetjen ( hi. v.l.) und Inga Grunwald interpretieren Mutlu Yilmazers Komposition nach der Rückert-Übersetzung eines Textes des Persers Rumi. Susanne Baumann-Brown spielt in der Marienkirche dazu die Geige. | © Ralf Bittner

Herford Piéces IV verbindet in der Marienkirche verschiedene Musikwelten zu einem musikalischen Kosmos

Längst nicht alle Zuhörer halten viereinhalb Stunden Programm durch

Ralf Bittner
18.09.2017 | Stand 17.09.2017, 19:36 Uhr |

Herford. In den 19-Uhr-Glockenschlag der Marienkirche mischt sich der warme, pulsierende Klang von Didgeridoos der Bielefeld Didgers. Die sind regelmäßig bei Konzerten der Piéces-Reihe dabei, und stehen dieses Mal auf der Empore und rücken so den Kirchenraum ins Bewusstsein, ganz gemäß der Idee "Kirche im Konzert". "Es ist nicht nur Konzert in einer Kirche, sondern alle Musiker präsentieren vom Raum, Klang oder der sakralen Atmosphäre inspirierte Stücke, die eigens für den heutigen Abend arrangiert oder komponiert wurden und so noch nie zu hören waren", sagt Günter Scheding, Initiator der einzigartigen Konzertreihe. "Lauten und Stimmen" hat Scheding den Abend überschrieben, da mit Inga Grunwald, Lisa Ohm, Elke Ellie Silber, Margret Oetjen und Hosam Abrahim in diesem Jahr viele Vokalisten vertreten sind, die solo oder in verschiedenen Formationen zu erleben sind. Ohm nimmt die Zuhörer, begleitet von Stephan Winkelhake am Flügel, mit in "Jorginos Garten" nach einer bulgarischen Melodie. Eigens für den Abend komponiert ist Mutlu Yilmazers "Ich sah empor". Der Text ist eine Rückert-Übersetzung eines persischen Textes Malena Jelaleddin Rumis. Begleitet von Susanne Baumann-Brown (Geige) und Yilmazer (Nai, Flöte) präsentieren Grunwald und Oetjen, das komplexe in und um sich selbst kreisende Stück. Elke "Elli" Silber präsentiert Jazziges und mit ihrem Partner Thorsten Käseberg Auszüge aus einem speziell für große Räume geschrieben Programm - wie passend. Die aus Syrien geflohenen Hosam Abrahim (Oud), Salah Hasan Rsto (Saz) und Fadi Youssef (Geige) werden von Simon Van den Berg am Flügel begleitet und Abrahim schlägt mit warmer Stimme die rund 180 Zuhörer und Musikerkollegen in den Bann. Neben den Stimmen prägen unterschiedliche Formen der Laute den mit viereinhalb Stunden arg langen Abend, dessen Ende kaum noch Zuhörer in der Kirche mitbekommen. Roman Bunka, Abrahim (Oud), Thomas W. Knobloch (irische Bouzouki), Rsto (Saz) und Mitra Behpoori (iranische Tarr) nehmen mit ihren verschiedenen Formationen mit in ganz unterschiedliche Welten. Überhaupt ist es auch ein Abend der Kooperationen, denn die japanische Perkussionistin Kazuyo Tsunehiro, die zunächst mit Behpoori musiziert erweist sich später mit Partner Kostas Argyropoulos an Marimba- und Vibraphon als Meisterin mit den Schlegeln. Perkussionist Ramesh Shotham zeigt sein Können solo und in verschiedenen Formationen, begleitet auch die Formation "Embryo" um Marja Burchard, die für den Auftritt im Land der Reformation ihre Posaune eingepackt hat. Das seit fast 50 Jahren bestehende Projekt ist eigens für "Piéces" angereist, legt aber am Sonntag einen Auftritt im Festsaal am Logenplatz nach. Ohne Percussion und fast meditativ klingen Knoblochs Kompositionen, die er mit Rolf Brüggemann an der indischen Bansuri-Flöte als "Duo Mellon" zusammen spielt. Anders als dieses Duo haben sich Tom Fronza (Didgeridoo und Bass) und André Petras (Geige) eigens für das Konzert zusammengetan. Ihre Improvisation aus flächigen und rhythmischen Passagen gehört zu den Höhepunkten nach der Pause. Wie die Duos auch stellt auch Hans-Peter Klein am Flügel eigens geschriebene Stücke vor. Kaum noch Zuhörer erleben zu später den Stunde den Auftritt Michael Girkes. Dessen Band "Jetzt!" wird gerade als Vorläufer der Hamburger Schule wiederentdeckt. Schließlich setzen "Embryo" und Freunde mit spürbarer Freude am gemeinsamen Musizieren den Schlusspunkt unter ein Programm, das in Qualität und Quantität für zwei Abende gereicht hätte.

realisiert durch evolver group