Seminar: Gesangscoach Peter Leussink erklärt den Teilnehmern im HudL das Trainingsprogramm „Belcanto". Heidrun Mildner vom Verein Alzheimer Ethik hat eingeladen. - © Nora Pfützenreuter
Seminar: Gesangscoach Peter Leussink erklärt den Teilnehmern im HudL das Trainingsprogramm „Belcanto". Heidrun Mildner vom Verein Alzheimer Ethik hat eingeladen. | © Nora Pfützenreuter

Herford Wie Singen und der Klang der Stimme bei Demenz helfen kann

Der Opernsänger Peter Leussink hat „Belcanto“ entwickelt. Bei einem Seminar im Haus unter den Linden hat er das Programm erstmals in Herford vorgestellt

Herford. Mitten im Lied „Ein Lied geht um die Welt" hat der Opernsänger Peter Leussink einen Textaussetzer. Doch ein Zuschauer im Publikum singt das Lied für ihn weiter. Was Leussink daran erstaunt: Der Mann kennt den Text, obwohl er seit Monaten nicht mehr gesprochen hat, weil er an Demenz erkrankt ist. Wie ist das möglich? „Die Betroffenen kommen in die Situation, dass ihr Körper wieder funktioniert", sagt Leussink. Er hat „Belcanto" (ital. für „schön singen") entwickelt, ein Trainingsprogramm, durch das Demenzpatienten kommunizieren sollen. Was die eigene Stimme bewirken kann Es geht darum, dass sie durch den Klang ihrer Stimme ihre eigene Persönlichkeit wiederentdecken. „Die wieder entdeckten Möglichkeiten sollen sie im Alltag anwenden", sagt Leussink. Das ist wichtig, weil eine Demenz im fortgeschrittenen Stadium immer auch mit einer Persönlichkeitsveränderung sowie einem Gedächtnis- und Sprachverlust einhergeht. Bei seinen Seminaren geht es aber nicht nur um das Singen. Die Teilnehmer lernen auch bewusst zu sitzen und zu atmen. Es macht etwas mit ihnen, wenn sie den Satz „Guten Tag" gemeinsam laut, deutlich und mit Nachdruck sprechen. „Die Fähigkeit der Menschen zu klingen ist a priori, also von Anfang an, im Körper verankert", sagt Leussink. Teilnehmer erinnern sich an Liedtexte Dadurch könnten Betroffene ihr Selbstbewusstsein und ihre Handlungsfähigkeit stärken. "Die positiven Veränderungen im Alltag dieser Menschen sind Ausdruck des freien Willens der Persönlichkeit und Identität", sagt der Kommunikationstrainer. Menschen könnten mit Hilfe von „Belcanto" erfahren, Einschränkungen des Kurzzeitgedächtnisses zu überwinden. Das hat Leussink auch bei seinen Seminaren festgestellt: „Ich singe mit ihnen Italienisch, obwohl sie gar kein Italienisch können und selbst nach einigen Wochen können sie sowohl Melodie, Text und Rhythmus problemlos wiederholen." Seine Erfahrung: es funktioniert. Durch Singen die Lebensqualität steigern Durch das Singen könne Leiden gelindert und die Lebensqualität gesteigert werden, sagt der ausgebildete Gesangspädagoge und Kommunikationstrainer. Leussink ist gebürtiger Niederländer und hat das Projekt „Belcanto" bereits vor zehn Jahren in Wien entwickelt, wo er seit mehr als 25 Jahren lebt. Im Haus unter den Linden hat er nun das Konzept erstmals in Herford vorgestellt. Er trainiert nicht nur Demenzpatienten, sondern schult auch Fachpersonal, Therapeuten, Betreuungsassistenten, Heilpädagogen, Angehörige und Musiker, die das Prinzip „Belcanto" lernen und bei ihrer Arbeit anwenden wollen. "Belcanto" in Herford vorgestellt 25 Personen haben an der ersten Fortbildung teilgenommen. Unter ihnen waren Angehörige und Fachkräfte aus dem stationären Bereich, darunter Therapeuten, Pädagogen, Bereichsleiter und Ehrenamtliche. Das Fazit der Teilnehmer sei gut gewesen, bei einem Nachtreffen hätten sie immer noch von dem Seminar geschwärmt, sagt Heidrun Mildner. Sie ist Vorsitzende des Herforder Vereins Alzheimer Ethik und hat Leussink nach Herford eingeladen. Sie kennt den Experten bereits seit fünf Jahren und arbeitet gemeinsam mit ihm am Thema „Demenz und Logotherapie".

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