Segensreich: Dr. Reinhard Voß, Pfarrer Berthold Keunecke und Superintendent Michael Krause neben der Luther-Figur. Reinhard Voß geht mit Keunecke nach Israel, Krause hat dem Herforder Pfarrer seinen Reisesegen mitgegeben. - © Paul Struthmann
Segensreich: Dr. Reinhard Voß, Pfarrer Berthold Keunecke und Superintendent Michael Krause neben der Luther-Figur. Reinhard Voß geht mit Keunecke nach Israel, Krause hat dem Herforder Pfarrer seinen Reisesegen mitgegeben. | © Paul Struthmann

Herford Interview: Pfarrer Berthold Keunecke beobachtet die Konfliktparteien in Israel

„Meine größte Angst ist, nicht einreisen zu dürfen“

Corina Lass
12.06.2017 | Stand 12.06.2017, 11:06 Uhr

Herr Keunecke, Warum Israel? Keunecke: Eigentlich war das schon lange geplant. Ich fand es aber immer schwierig, mir als Tourist in diesem Land Steine anzusehen, an denen so viel Geschichte hängt, wenn gleichzeitig die Menschen in diesem hoch eskalierten Konflikt stecken. Die Organisation, mit der ich fahre, die EAPPI setzt bei den Menschen an. Das heißt? Keunecke: Wir gehen zu den Konfliktpunkten im Land, um die Menschen zu begleiten und zu unterstützen. Dabei sind wir neutral in der Sache, aber nicht hinsichtlich der Menschenrechte. Können Sie das etwas genauer erklären? Keunecke: Wir gehen als Beobachter zu den kritischen Punkten, etwa zu den Checkpoints, die israelisches Gebiet markieren oder die zum Beispiel Palästinenser auf dem Weg zu ihren Feldern passieren müssen. In Hebron begleiten wir Kinder zur Schule, weil sie relativ regelmäßig von Siedlern bedroht werden. Das ist ein großes Problem dort. Dabei haben wir immer einen Fotoapparat dabei, um dokumentieren zu können, was passiert . . . Das klingt gefährlich. Die Siedler haben es ja sicherlich nicht gerne, dabei fotografiert zu werden, wie sie Kinder bedrohen? Keunecke: Für die Kinder ist das weitaus gefährlicher. Zum Glück ist die Eskalation da nicht so schlimm. Es geht ja in diesem Konflikt um die Frage, wer sich besseres Ansehen verschafft. Die Siedler brauchen den Rückhalt in der israelischen Gesellschaft. Und die Palästinenser müssen zeigen, dass sie Opfer sind. Das sind seltene Fälle, in denen Palästinenser mal um sich schießen . . . Wir beobachten und begleiten auch politische Aktionen wie Demonstrationen und dokumentieren Hauszerstörungen. Hauszerstörungen? Keunecke: Die sind ein großes Problem: Die israelischen Behörden erteilen nur in zwei Prozent der Fälle Genehmigungen zum Hausbau. Lehnen sie ab, bauen die Palästinenser trotzdem. Die israelischen Behörden drohen erst den Abriss an und setzen das dann auch um. Das ist ganz hart für die Leute. Die sind bereit zu Gewalt. Und wir sind da, um der Gewalt vorzubeugen. Manche Situationen sind da sicherlich schwer auszuhalten. Keunecke: Das ist das schwerste, die Ohnmacht auszuhalten. Die militärische Macht ist ja ungleich verteilt: Die Israelis haben ganz andere Rechte als unsere Behörden. In Israel herrscht Kriegsrecht. Da werden Kinder inhaftiert, da werden Menschen ohne Anklage eingesperrt. Das ist für sie schwer auszuhalten. Und wir werden sie dabei begleiten. Aber als Seelsorger, auch in der Notfallseelsorge, habe ich damit Erfahrung, die Distanz zu wahren. Und nach drei Monaten gehe ich ja wieder. Ihr Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt? Keunecke: Ja, das ist die Zeit, die man als Tourist maximal einreisen darf. Alles andere wäre mit großen Schwierigkeiten verbunden, auch für die Organisation. Die würde sich ganz anders angreifbar machen. In Israel ist die EAPPI akzeptiert, aber nicht gern gesehen. Wie viele Beobachter hat die Organisation im Land? Keunecke: Die EAPPI gibt es seit 2003. Ständig sind 30 bis 40 Leute dort – an sieben Standorten. Mehr als 1.000 Personen standen also bisher im Dienst der Organisation. Es gibt aber auch schon mal jemanden, der nicht einreisen darf, die stellvertretende Generalsekretärin des Weltkirchenrates, zum Beispiel. Ein anderes Mal ist jemand aus dem Dienst raus ausgewiesen worden, nachdem er Stress mit den Siedlern hatte. Haben Sie sich auf Ihren Aufenthalt vorbereitet? Keunecke: Wir sind eine Woche lang über die verschiedenen Gruppen, die Situation der Menschen, Sicherheitsfragen aufgeklärt worden. Wir sind kritische Situationen in Rollenspielen durchgegangen und haben ein Gespräch mit der stellvertretenden Botschafterin Israels geführt. Es waren auch zwei junge Frauen da, die aus Sicht der Palästinenser erzählen konnten. Wir haben über den Umgang mit Traumata und seelischen Verletzungen gesprochen und darüber, was wir dürfen und was nicht. Sie scheinen der Organisation zu vertrauen . . . Keunecke: Ja, sehr. Trotzdem ist das etwas Neues für mich: Ich habe mich hier ja auch schon an Aktionen zivilen Ungehorsams beteiligt. Dabei war ich aber immer selbst verantwortlich. In Israel bin ich abhängig von unserer Leitung, da gebe ich die Verantwortung ab. Das geht nicht anders, weil wir die Folgen unseres Handelns für die Menschen und die Organisation nicht gut genug einschätzen können. Auch die Fotos, die wir machen, dürfen wir nicht einfach veröffentlichen. Warum vertrauen Sie der Leitung der Organisation so sehr? Keunecke: Die EAPPI ist eine Initiative des Weltkirchenrats. Da kommen aus den verschiedenen Ländern die kompetentesten Leute zusammen. Sie hätten sich auch drei Monate relaxen können. Warum tun Sie sich das an? Keunecke: Um den Konflikt kennenzulernen und helfen zu können. Ich empfinde ein Gefühl der Hilflosigkeit, das aus der Ferne ansehen zu müssen. Der Konflikt zwischen Israeliten und Palästinensern beeinflusst so viel. In so vielen Ländern gibt es Flüchtlingslager mit Palästinensern, die gesagt bekommen: Ihr gehört hier nicht her, ihr gehört nach Palästina. Das heißt: Das ist ein Weltkonflikt.
Es gibt einen zweiten Grund: Ich habe immer auch Angst, dass es bei uns mal zu einer solch hocheskalierten Situationen kommt. Dann will ich helfen können. Ich will etwas lernen und will die Menschen hier in Herford daran teilhaben lassen, damit wir mehr Ruhe bewahren, wenn es schwierig wird. Das ist auch Teil unseres Auftrags: Wir sind verpflichtet, weiterzutragen, was wir erleben. Wer bezahlt das eigentlich? Keunecke: In Deutschland bekommen wir die Flugkosten bezahlt und einen Teil der Verpflegung. Dafür spenden die Berliner Mission, Brot für die Welt und Pax Christi. Fühlen Sie sich für die Aufgabe gewappnet? Keunecke: Ich glaube, das bin ich schon durch meine Aufgabe als Seelsorger. Und ich bin ja auch Vorsitzender des Versöhnungsbundes, einer mehr als 100 Jahre alte Organisation, die sich für konsequente Gewaltfreiheit einsetzt. Auch Martin Luther King war Mitglied im Versöhnungsbund. Die Friedensbewegung ist für mich ganz wichtig. Und ich bin dankbar, dass der Superintendent mir seinen Segen gibt, ich Teil der Gemeinschaft bin und dadurch die inhaltliche Ruhe habe. Was ist Ihre größte Sorge? Keunecke: Ich weiß, dass ich aufpassen muss. Aber meine größte Angst ist, dass ich nicht ins Land komme. Wissen Sie, im Friedenskotten in Lippinghausen habe ich mit der damals 77-jährigen Eva Bormann zusammen gewohnt. Als sich abzeichnete, dass die Amerikaner den Irak bombardieren, ist sie nach Bagdad geflogen, um solidarisch mit den Menschen zu sein. Ich sehe noch heute vor mir, wie sie mit ihrem Rollator über das Rollfeld zum Flugzeug ging. Und auch sie ist zurückgekommen. Wann geht es los? Keunecke: Am Sonntag von Frankfurt nach Tel Aviv.

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