Pas de Deux: Siegfried und Kriemhild lieben sich. Doch um ihre Hand zu erhalten, wird der Held zum Handlanger ihres Bruders, König Gunther. So poetisch geht's nur selten zu. - © Ralf Bittner
Pas de Deux: Siegfried und Kriemhild lieben sich. Doch um ihre Hand zu erhalten, wird der Held zum Handlanger ihres Bruders, König Gunther. So poetisch geht's nur selten zu. | © Ralf Bittner

Herford Deutsche Tanzkompanie reduziert das Nibelungenlied auf getanzte Bilder

Das Versepos als bildgewaltiges Tanztheater im Herforder Stadttheater

Ralf Bittner

Herford. "Siegfried!" lautet das einzige von den Tänzern auf der Bühne gesprochene Wort. Konsequent hat die Deutsche Tanzkompanie das 4.000 Strophen lange Nibelungenlied auf 26 getanzte Bilder reduziert und demontiert dabei jeden heroischen Pathos ohne dem Stoff die archaische Wucht zu nehmen. König Gunther ist es, der seinen Helden um Hilfe ruft, nachdem ihn die durch List in die Hochzeit gezwungene Brunhilde in der Hochzeitsnacht gefesselt und an der Decke aufgehängt hat. Die Hilflosigkeit des höfischen Jammerlappens ist eine der wenigen komischen Szenen des zweistündigen Tanzabends. Dramaturg Oliver Hohlfeld und Choreograph Lars Scheibner erzählen die über 1.000 alte Geschichte von kühnen Recken, Edelfrauen, Freude, Schmerz und Verrat. Sie setzen auf starke Bilder, physische Präsenz der Tänzer und eine Musikauswahl, die der archaischen Welt Rechnung trägt und doch ironische Distanz schafft. Wagners Walküren reiten knisternd aus dem Grammophon, am Hofe wird ausgelassen zu fremdartigen Klängen der Finnen von "Hedningarna" getanzt, japanische Kodotrommeln dröhnen über die Schlachtfelder. Bei der Jagd treibt Rammsteins "Die Kreatur muss sterben" den Recken Siegfried durch den Wald, nicht ahnend, dass er selbst die Kreatur ist, die gejagt und von Hagen zur Strecke gebracht wird. Selbst die Ironie trifft mit der Wucht eines Schwerthiebs. Immer wieder erklingt eine Frauenstimme aus dem Off (Sprecherin Halka Neufert-Rothe) und rezitiert einige Strophen des mittelhochdeutschen Textes. Obwohl dieser vermutlich den meisten Zuschauern unverständlich bleibt, entfaltet er seine Wirkung. Choreograph Scheibner ist überzeugt, dass es so etwas wie ein menschliches Bewegungsgedächtnis gibt. Die Leichtigkeit, mit der die Tänzer Speere oder Schwerter rotieren lassen, oder die Eleganz, die sich selbst beim physischen Aufeinandertreffen im Zweikampf zeigt, scheinen das zu bestätigen. Vielleicht sprechen ja der Klang der Stimme und die eigentümliche Metrik auf ähnliche Weise ein überliefertes Gedächtnis an? Die Tänzerinnen und Tänzer erzählen in expressiven aus den Kampfkünsten entlehnten Bildern die Geschichte vom magischen Alberich, dem Hüter des Nibelungenhortes, der von Siegfried bezwungen wird, aber als listiger Verführer im Hintergrund weiter seine Intrigen spinnt. Gunthers Gefolgsmann Hagen behält zwar den Überblick, doch sein Streben richtet sich auf den von Siegfried gewonnenen Nibelungenhort. Um den zu erreichen ist ihm jedes Mittel recht - Verrat und Mord inklusive. Da Gunther zu schwach ist, muss immer wieder Siegfried ran, um dessen Kriege und Frauen zu gewinnen. Als Brunhilde bemerkt, dass sie mehrfach überlistet wurde, nimmt das blutige Spiel von Mord und Totschlag seinen Lauf. Kontrastierenden Szenen - aus dem höfischen Schreittanz der Doppelhochzeit folgt der Sprung in die von Gunther und Siegfried gemeinschaftlich begangene Vergewaltigung Brunhildes - treiben die Handlung voran. In Gruppenszenen treiben Frauen Männer in die Schlacht, mittendrin immer der flinke Alberich, der die Beteiligten gegeneinander aufhetzt. Am Ende versucht Hagen seine Mörderhände, durch deren Finger ihm der Schatz zerrinnt, reinzuwaschen, doch der Versuch schlägt fehl. Kriemhild, die nun weiß, wer ihren Mann ermordete, steht allein auf der Bühne, ein Schwert in der Hand. Sie geht ab, ihrer Rache entgegen. Das mitreißend in Tanz übersetzte Untergangsepos ist nicht nicht zu Ende, das große Gemetzel kommt erst noch - und es gibt gute Gründe sich darauf zu freuen.

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