Herford. Eine schlicht-schwarze Ansichtskarte mit dem Aufdruck "Herford by Night" könnte das Nachtleben der Hansestadt treffend beschreiben: Immer weniger Gaststätten öffnen immer seltener. Bad Salzuflen und Bielefeld laufen der Hansestadt den Rang ab. Das war in der 70er-Jahren anders, als Statistiker Herford einen Spitzenplatz bescheinigten.
Die Stadt hatte in Deutschland im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Gaststätten. Eine neue Studie des Forschungsinstituts IFH Köln belegt das Gegenteil. Nach der Untersuchung "Vitale Innenstädte 2016" belegt Herford einen hinteren Rang, da es 21 Restaurants und Kneipen gibt - 68 es aber in Orten vergleichbarer Größe sein sollten.
Der Tiefschlaf in der Gastroszene trifft unter anderem Taxifahrer wie Dimitri S., der nicht mit seinem ganzen Namen in der Zeitung stehen soll. "Sonst verprellen wir uns auch noch die letzten Kneipiers", mahnt seine Chefin, denn das Urteil des Angestellten ist ernüchternd. Allenfalls das "Schiller" oder das "New Orleans" könne er empfehlen. Damit endet für Dimitri S. "Herford by Night".
»Von montags bis donnerstags tut sich in Herford gar nichts mehr«
Wobei das "Schiller" am Wochenende bis 3 Uhr geöffnet hat. Eine Garantie gibt Betreiber Simon Klocke nicht. "Wenn nur noch zwei Gäste hier sitzen, dann muss ich auch auf die Wirtschaftlichkeit achten", sagt Klocke. Vorerst gar nicht mehr eingeschaltet werden die Lichter im "Nil" nebenan. Nach fast zehn Jahren kam im Januar das "Aus" für das Restaurant an der Kurfürstenstraße.
Auf Sparflamme läuft unterdessen das "Bandito" an der Schillerstraße. "Wir sind mit dem Standort Herford nicht glücklich", bekennt Gianni Pulli. Der stadtbekannte Kneipier: "Es kann sein, dass wir für Herford nicht das richtige Produkt anbieten." Die Zukunft des "Bandito" sei ungewiss. Längst erloschen sind die Lichter dagegen in anderen Kneipen, für die sich kein Betreiber findet.
Wie etwa das "Nosferatu" an der Radewiger Straße oder die "Zirbelstube" am Parkhaus Altstadt. Oder das "Mona Lisa". Die Bar an der Steinstraße war lange ein Treffpunkt für Nachtschwärmer. Bis Wirt Giovanni Marculli aus Altersgründen aufgab. Immerhin: Der Betreiber des Restaurants "Babylon", Ali Diboglu, hat im "Mona Lisa" mit der Renovierung begonnen. Der Name bleibt, Giovanni als Unterstützer auch. Am 4. März ist Wiedereröffnung,
Hoffnung könnte auch die "Gourmet-World" an der Liebigstraße machen, wo an guten Wochenenden laut Chef Hung Ely "pro Tag mehrere hundert Gäste" einkehren. Die stammen vornehmlich aus Herford, aber auch aus einem bis zu 70 Kilometer weitem Umfeld. Sonst aber ist es mau. "Von montags bis donnerstags tut sich in Herford gar nichts mehr. Da ist die Stadt wie ausgestorben", sagt Dimitri S., der Fahrgästen auf der Suche nach Geselligkeit und einem frisch Gezapften Bad Salzuflen empfiehlt. "Da läuft das nachts."
Gebürtige Herforder wie Rolf Olheide wissen das, wenn sie samstags einen Kneipenzug machen und in einem "Sky"-Lokal starten. "Das Hofbräuhaus in Bad Salzuflen ist klasse", sagt Olheide, der die gastronomische Vielfalt der Nachbarkommune schätzt. Dabei gibt es auch in Herford Kicker-Kneipen. Wie etwa die "Martinsklause", wo sich Gunter "Schraube" Jessel und seine Frau Helga werktags auf ihre Stammgäste verlassen und wo Fußballfans am Wochenende für Umsatz sorgen.
"Im Schnitt haben wir während der Woche bis 24 Uhr geöffnet", sagt "Schraube". "Es kann schon einmal 23 Uhr sein, dass wir schließen", sagt Uwe Pörtner, Wirt des "Bitter". Auch bei ihm macht sich die Zurückhaltung bemerkbar. "Im Winter ist der Besuch bei uns gut. Schwierig ist es in den Sommermonaten, da nimmt uns der Beach-Club in den Werre-Gärten die Kundschaft weg."
Auf eine pauschale Belebung dürfen die Gastronomen aber hoffen. Mit Öffnung der Fachhochschule für Finanzen auf dem Stiftberg bevölkern ab Herbst in einem ersten Schritt 160 Studenten die Stadt. Bis zu 450 Studierende sollen es in drei Jahren sein. Während der Woche werden sie Hunger und Durst haben, ehe sie samstags und sonntags in ihre Heimat zurückkehren.
An Wochenenden müssen die Einheimischen in den Lokalen dann selber für Stimmung sorgen.
Die Stadt tanzt
- An Samstag, 18. Februar, erwacht die Herforder Gastroszene zur 1. DJ Kneipennacht. Ab 22 Uhr gehts los. Die musikalische Bandbreite reicht von Tech-, Deep- und Vocal-House bis hin zu Fetenhits und Schlagern.
- Wer einmal gezahlt hat, erhält in allen teilnehmenden Lokalen Eintritt.
- Beteiligt sein werden das „Piccoli" mit DJ Alex DaBass und Deep- & Techhouse; die Gaststätte „Föge", in der DJ Stefan Masur 90er-Jahre Beats auflegt; die Brasserie „Lamäng", wo DJ Mig-L mit Black-, Latin- und Carribean-Beats einheizen will; die Shisha-Bar „Rauchwerk" mit Blackmusic und DJ Blackface; das „Bitter", wo DJ Totto Partyhits präsentiert; das „Noa", in dem DJ Andre Becker 80er-Rock, -Pop und Rare-Grooves zum Besten gibt sowie die „Martinsklause", wo DJ Moe mit DJ Techtelmechtel die Nacht zum Tag macht.