Gescheitert: Auf dem Gelände von Foto Ilsemann und dem rechts daneben stehenden Gebäude ohne Fensterglas wollte die Lebenshilfe bauen. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Gescheitert: Auf dem Gelände von Foto Ilsemann und dem rechts daneben stehenden Gebäude ohne Fensterglas wollte die Lebenshilfe bauen. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Lebenshilfe gibt Baupläne an der Rennstraße auf

Zunächst waren sich der Verein und Stadt uneinig. Dann sah der Landschaftsverband keinen Bedarf mehr. Die Grundstücke sollen jetzt auf dem Immobilienmarkt zum Kauf angeboten werden

Corina Lass
11.02.2017 | Stand 11.02.2017, 15:31 Uhr

Herford. Die Lebenshilfe gibt ihre Neubaupläne an der Rennstraße/Ecke Lessingstraße auf. Das haben Vorstand und Geschäftsführung jetzt entschieden. Grund: "Die Idee eines multifunktionalen Gebäudes mit verschiedenen Angeboten lässt sich nicht in der gewünschten Form realisieren." So stand es sinngemäß in der Mitteilung, die der Vorstand gestern zum Pressegespräch vorlegte. Enttäuschung und Trauer waren den drei anwesenden Vorständen - Bärbel Zuhl, Karin Glaub, Hildegard Landwehr - und Geschäftsführer Stephan Steuernagel ins Gesicht geschrieben. Neben umfassender Beratung hatte die Lebenshilfe in dem Neubau verschiedene Dienste, etwa im Bereich Bildung und Freizeit, anbieten wollen. Geplant waren zudem neun Appartements und Ersatzwohnungen für zwei Lebenshilfe-Wohngruppen. Die Wohngruppen an Kiebitzstraße und Wellbrocker Weg sind in Häusern untergebracht, die nicht barrierefrei und energetisch veraltet sind. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hatte den Bedarf für Ersatzwohnraum daher bestätigt. Zwölf Wohnstättenplätze hatte die Lebenshilfe in ihren Neubau eingeplant. Der Entwurf missfiel im Herbst 2015 aber dem Stadtbildpflegebeirat und dem Bauausschuss. Gründe waren eine zu große Raumdichte und die überwiegende Nordausrichtung der Zimmer mit einem befürchteten Mangel an Tageslicht. Eine Südausrichtung war allerdings wegen einer im Süden stehenden Brandwand nicht möglich, so Vorstand und Geschäftsführung. Sie hätten das aber in ihrem ersten Entwurf durch Gemeinschaftsräume mit Balkonen im Südwesten als kompensiert betrachtet. Nach der Ablehnung durch die Politiker hätten sie umgeplant, so Steuernagel, der gestern die Historie nachvollzog. Der Verein reduzierte die Nutzung im Erdgeschoss, ordnete die zwölf Bewohnerzimmer neu an und verzichtete auf die geplanten Appartements. Am 1. September habe es dann ein Gespräch im Bauamt gegeben. Die Verwaltung habe eine Einschätzung zu den diskutierten Lösungsmöglichkeiten schicken wollen. Die sei aber erst Ende November gekommen und habe weitere Wenns und Abers enthalten sowie den Schlusssatz: "Insgesamt bewerten wir die Planung weiterhin als nicht geeignet für das Grundstück und die Nutzung." Da sei ihnen der Mund offen stehen geblieben, sagt Vorsitzende Zuhl. Sie hätten trotzdem nicht aufgegeben und sich vor Weihnachten noch einmal mit Baudezernent Peter Maria Böhm getroffen, sagt Steuernagel. Dort seien sie zu einem für beide Seiten vorstellbaren Ergebnis - zumindest hinsichtlich der Anordnung der Baukörper - gekommen. Dann änderte sich jedoch das Teilhabegesetz: Der LWL sah keinen Bedarf mehr für Ersatzwohnstättenplätze; er will nun Bewohner aus stationären Bereichen in die ambulante Versorgung bringen. Nach Ansicht des Vorstandes gibt es dafür gar nicht genügend Wohnraum, insbesondere nicht für Ein-Personen-Haushalte. Diesen Wohnraum selbst zu bauen, kommt für die Lebenshilfe nicht in Frage. Denn mit der Förderung für den sozialen Wohnungsbau könnten sie keine adäquaten behindertengerechten Wohnungen errichten, sagt Zuhl. Derzeit entwickelt die Lebenshilfe Wohngemeinschaftskonzepte, die es ihr ermöglichen, mehrere Menschen an einem Ort ambulant zu betreuen. Sie bitten diejenigen, die dafür Wohnraum anbieten können, sich bei der Leitung des Bereichs Wohnen zu melden, Tel. (0 52 21) 9 15 31 51. Letztlich ist die Ansage des LWL der Grund, warum sich die Lebenshilfe jetzt von ihrem Bauvorhaben verabschiedet. Der Geschäftsführer und die Vorstandsmitglieder sprechen aber auch von Enttäuschung über Widerstände und die mangelnde Unterstützung für das Projekt durch die Stadt. Stadtentwicklerin Maike Wöhler, die gestern nach dem Pressegespräch die einzige noch erreichbare Mitarbeiterin im Bauamt war, schien das zu irritieren. Sie habe immer noch auf einen Planentwurf der Lebenshilfe gewartet, sagte sie. Nach unbestätigten NW-Informationen aus einer dritten Quelle war es auch mit der Lebenshilfe nicht ganz einfach. Demnach gab es immer wieder Situationen, in denen der Verein schon abgesprochene Teilpläne nachträglich so modifiziert hat, dass die Absprachen hinfällig wurden. Sie würden aber auch positive Erlebnisse aus dem Projekt ziehen, sagt Zuhl: Die Unterschriftenaktion habe ihnen zum Beispiel sehr den Rücken gestärkt. Damit hatten sich Nachbarn und andere Herforder für die Ansiedlung der Lebenshilfe ausgesprochen - und waren damit zugleich einer Plakataktion gegen den Neubau entgegen getreten. Angehörigen, Initiatoren und Förderern sei es schwer gefallen, sich von dem Projekt im Zentrum Herfords zu verabschieden, sagten die drei Vorständen. Besonders schlimm sei es für die künftigen Bewohner gewesen. Und sie selbst hätten sich gewünscht, dass sich echte Teilhabe dadurch geäußert hätte, dass sie sich mitten in der Innenstadt hätten ansiedeln können, so Glaub.

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