Vaterländischer Saal: Die Portraitbüste Ledeburs steht auf der rechten Seite, die von Rudolf Virchow auf der linken Seite. Virchow war der bedeutendste Förderer des Museums während des 19. Jahrhunderts. - © Museum für Vor- und Frühgeschichte
Vaterländischer Saal: Die Portraitbüste Ledeburs steht auf der rechten Seite, die von Rudolf Virchow auf der linken Seite. Virchow war der bedeutendste Förderer des Museums während des 19. Jahrhunderts. | © Museum für Vor- und Frühgeschichte

Herford/Berlin Von Herford als Museumschef nach Berlin

Hartmut Braun

Herford/Berlin. Auf der Berliner Museumsinsel erinnert seit einigen Tagen eine Bronzebüste an Leopold von Ledebur, den ersten Direktor des dortigen Museums für Vor- und Frühgeschichte. Der hatte seine Karriere vor fast 200 Jahren in Herford begonnen. Die Ledeburs waren ein weit verzweigtes westfälisches Adelsgeschlecht mit vielen Bezügen zu Herford. 1502 stand ein Gerhard von Ledebur in den Diensten des Herforder Äbtissin. Schon 300 Jahre kannte man die Familie in Osnabrück und Münster. Die Ledeburs prägten die Region, sie saßen auf Gut Bustedt, in Bruchmühlen, auf Werburg, Mühlenburg und Königsbrück in und bei Spenge. Sie waren Gutsherren, Staatsbeamte - seit dem 19. Jahrhundert traten sie auch als Künstler, Schauspieler und Theatermacher hervor. Leopolds Vater war bis 1807 einer von zwei preußischen Landräten in Minden-Ravensberg, der Region Bielefeld-Herford-Halle-Lübbecke-Minden mit Sitz in Schildesche. Seine Familie hatte für den 1799 in Berlin geborenen eher schmächtigen Jungen eine militärische Karriere vorgesehen. Doch sein Interesse galt der Geschichte. Bereits als 11-Jähriger studierte der kleine Leopold lateinische Akten und entschlüsselte rätselhafte Wappenzeichen. Jede freie Minute widmete er seinen Forschungen. Dabei hatte es ihm vor allem die Region seiner Vorväter angetan. Bereits in ganz jungen Jahren gewann er einen sehr guten Überblick über die reichen (bis heute unzureichend ausgewerteten) Akten- und Urkundenbestände der Stifte und Klöster. Die Herforder "Altertümer" begeisterten ihn. Gefördert wurden Talent und Interessen von einem Schulmann: Ernst Knefel, Direktor des Herforder Friedrichs-Gymnasiums, bot dem jungen Selfmade-Forscher auch ein Forum: Die seit 1820 in Herford erscheinende Wochenschrift "Rheinlande und Westphalen", deren Herausgeber Knefel war, druckte mehrere Beiträge. Allerdings ist Leopold nicht in Herford zur Schule gegangen, wie einige Forscher annahmen. Möglicherweise, so der Berliner Historiker und Archivar Horst Junker, verwechselten diese ihn mit seinem Zwillingsbruder. Jedenfalls war der junge Offizier bald einer der besten Kenner der Geschichte des heutigen Ostwestfalens. Er erfasste die Wittekind-Tradition in Enger, untersuchte den Bartholomäus-Altar in Rödinghausen und schwärmte von der Herforder Marienkirche, die noch wenige Jahre zuvor hatte abgerissen werden sollen - und die er jetzt als eines der schönsten Bauwerke Westfalens preisen konnte. Als der preußische Regierungspräsident um 1824 einen Experten für die Erfassung der "Altertümer" in Westfalen suchte, fiel seine Wahl auf den jungen Autodidakten, der als 17-Jähriger in die Dienste eines Grenadier-Regiments in Berlin getreten war. 1825 legte Leopold seine bahnbrechende Studien über das Fürstentum Minden und die Grafschaft Ravensberg "in Beziehung auf Denkmäler der Geschichte, der Kunst und des Alterthums" vor. Das Werk bahnte ihm den Weg an den preußischen Hof: Auf Vorschlag des Freiherrn vom Stein berief König Friedrich Wilhelm III. ihn ab Januar 1829 ans neue Berliner Kunstmuseum als "Vorsteher der Abtheilung für vaterländische Merkwürdigkeiten". Leopold von Ledebur führte diese Abteilung, aus der das heutige Museum für Vor- und Frühgeschichte hervorging, mehr als 40 Jahre lang. "Er hat die Entwicklung der Berliner Museumsszene entscheidend geprägt", sagt der heutige Direktor Prof. Dr. Matthias Wemhoff über ihn. Auch Wemhoff hat seine Karriere übrigens in Herford begonnen - als Ausgräber der mittelalterlichen Stiftsbauten vor einem Vierteljahrhundert. Zudem wurde Ledebur zu einem bedeutenden Wappen- und Adelsforscher. Und auch seine Verdienste um Geschichte und Denkmalpflege in Minden-Ravensberg sind unvergessen: Vor einigen Jahren sorgten Bielefelder Forscher im Verlag für Regionalgeschichte für eine kritisch kommentierte Neu-Edition. Demnächst wird man noch mehr von ihm hören: Die Familie Ledebur hat dem Museum große Teile seines Nachlasses überlassen - darunter mehrere Tausend Seiten Tagebuchnotizen auch aus der Jugendzeit. Die wertet Museumsarchivar Junker demnächst aus. Unterdessen ist das markante Profil des Museumsgründers auch für Besucher der Museumsinsel präsent: Im Vaterländischen Saal des Neuen Museums ("Chipperfield-Bau") ließ Wemhoff eine von dessen Nachfahren Ernst von Ledebur (heute Darmstadt) gestiftete neue Bronzebüste aufstellen - ganz in der Nähe eines anderen Heroen der Berliner Museumsszene, Heinrich Schliemann. Herford und Herforder in Berlin Gustav Peter Wöhler, Schauspieler und Sänger aus Diebrock mit immer noch steigender Popularität, steht im Tipi am Kanzleramt noch bis Ende Januar in Paul Linckes Operette Frau Luna auf der Bühne. Das Publikum ist begeistert. Das vom Herforder Kunstsammler Heiner Wemhöner erworbene und nahe seinem Herforder Firmengelände von der Künstlerin Alexandra Ranner aufgebaute Video-Haus mit dem Film „Ich habe genug" ist dort ab- und im Garten des Georg-Kolbe-Museums an der Sensburger Allee wieder aufgebaut worden – als Leihgabe für Ranners dortige Ausstellung „Karmakollaps". Die Ausstellung ist noch bis 8. Januar zu sehen. Im Salon Dahlmann nahe dem Kurfürstendamm ist jeweils Samstags noch bis Ende November eine von dem Herforder Kurator Philipp Bollmann kuratierte Ausstellung mit vielen Arbeiten vor allem jüngerer Künstler aus der Sammlung Wemhöner zu sehen. Titel: „...ach, die sind ja heute so unpolitisch". Zu den Höhepunkten eines Besuchs im Kunstgewerbemuseum im Kulturforum am Potsdamer Platz (das demnächst spektakulär umgebaut werden soll) gehört wieder der „Dionysiusschatz", dessen Haupt-Stücke zeitweilig in einer Sonderausstellung „Schätze des Glaubens" im Bode-Museum auf der Museumsinsel. Die Stücke aus dem 1414 von Enger nach Herford umgezogenen Dionysius-Stift gelten als einzigartige Meisterwerke mittelalterlicher Kunst. Der Ausgräber des Herforder Damenstiftes, Leiter des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Landesarchäologe und Terra X-Star Prof. Dr. Matthias Wemhoff stellt in der nächsten Woche im Neuen Museum sein mit Spannung erwartetes neues Buch vor: „Das Berliner Schloss – Geschichte und Archäologie". Im Vorfeld des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses haben die Archäologen das Terrain sondiert – und spektakuläre Funde zu Tage gefördert.

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