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Imposantes Bild: Der Dresdner Kreuzchor lockte zu seinem Auftritt gut 700 Zuhörer in die Marienkirche. - © Ralf Bittner
Imposantes Bild: Der Dresdner Kreuzchor lockte zu seinem Auftritt gut 700 Zuhörer in die Marienkirche. | © Ralf Bittner

Herford Dresdner Kreuzchor spielt in der Marienkirche Herford

Die etwa 70 zwischen 9 und 18 Jahre alten Sänger zeigten Chormusik auf höchstem Niveau

Ralf Bittner
10.10.2016 | Stand 09.10.2016, 21:35 Uhr

Herford. "Eigentlich hatten wir den Chor so kurz nach dem Tag der deutschen Einheit eingeladen, um Gott für diese zu danken", sagte Pfarrer Mathias Storck zu Begrüßung der 700 Konzertbesucher in der Marienkirche, jetzt gebe es aber einen zweiten Anlass, nämlich zu zeigen, dass zwei Jahre Pegida in Dresden 800 Jahre Musik zum Ruhme Gottes nicht übertönen könnten. Seit inzwischen 800 Jahren, besteht der heute von Roderich Kreile geleitete Dresdner Kreuzchor mit Sängern im Alter zwischen 9 und 18 Jahren. Der Chor erlebte dabei nicht nur historische Umwälzungen verschiedener Art und die Reformation, sondern auch die Entwicklung der Musik von anfangs eher schlichter Einstimmigkeit bis zu den zeitgenössischen, teils achtstimmigen Werken. Auch das eineinhalbstündige Programm, das der Chor präsentierte, deckte fast 500 Jahre geistliche Musikgeschichte ab. Zum Auftakt erklang das Kyrie Eleison aus Felix Mendelssohn Bartholdys Deutscher Liturgie, ein anspruchsvolles Stück für den achtstimmigen Doppelchor. Schon hier zeigte sich die unglaubliche Perfektion. Die verschiedenen Stimmen und Textzeilen verschränkten sich ineinander, überlappten sich, vereinten sich zu einem Klangkörper, dessen einzelne Elemente aber jederzeit klar auszumachen waren. Deutlich schlichter ist Jacobus Gallus' Motette "Duo Seraphim clamabant". Aber auch hier fanden die Stimmen beim "Plena est omnis terra" zusammen. Über "Nu danken alle Gott" von Johann Hermann Schein und "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" von Heinrich Schütz (1585-1672), der damals die sächsische Hofkapelle leitete und dessen Werk vom Kreuzchor besonders gepflegt wird, führte das Programm über Monteverdis "Laudate Pueri dominum" zu Johann Sebastian Bachs "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf". Mit den Taktwechseln zwischen dem Lob des Heiligen Geistes und dem Seufzen und dem fugenartigen Aufnehmen von Zeilen und Themen in allen Stimmen, bestach auch dieses komplexe Stück durch Intensität und Klarheit des Vortrags. Es ist erstaunlich mit welcher Lockerheit sich die Stimmen in der Führung abwechselten, Alt und Bass als Melodieträger zu einem kraftvollen Fundament wurden, auf dem Soprane und Tenöre glänzten. Bei Heinrich Kaminskis "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir" trat einer der jungen Sänger aus dem Chor und sang mit tiefem Ernst und jener unnachahmlichen Knabenstimme das Sopransolo. Die Texte waren jederzeit und nicht nur bei den Soli, sondern auch bei den wunderbaren Pianissimi und Fortissimi bestens verständlich. Der Chor verfügt über eine unglaubliche Bandbreite von gregorianischer Schlichtheit bis zu fast opernhafter Ausgestaltung von Ernst Peppings "Jesus und Nikodemus", bei dem Erzähler, Jesus und Nikodemus jeweils von unterschiedlichen Stimmen gesungen wurden. Organist Helmut Fleinghaus ergänzte das Programm stimmig mit Bachs Fantasie G-Dur "Pièce d'Orgue" und Ernst Peppings "Toccata". Mit Bartholdys "Richte mich, Gott" endete das bei aller Perfektion ergreifende Konzert, und für den langen Applaus bedankt sich der Chor mit "Bleib bei uns, denn es will Abend werden."

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