Mit Farben statt Noten: Der Chor lässt mit seinen Glocken die Kuckucks-Melodie erklingen. - © Miriam Scharlibbe
Mit Farben statt Noten: Der Chor lässt mit seinen Glocken die Kuckucks-Melodie erklingen. | © Miriam Scharlibbe

Herford Fachtagung zur Inklusion mit Übungen und Diskussionen

Mitarbeiter von Behinderteneinrichtungen und Bürger loten im Haus unter den Linden die Möglichkeiten von Inklusion aus

Miriam Scharlibbe

Herford. Singen ohne Noten, tanzen mit Krücken, diskutieren ohne Fremdwörter und sich die Hände reichen, selbst wenn man gar keine hat - das sind nur wenige Möglichkeiten, das Wort Inklusion zu übersetzen. Bei einer gleichnamigen Fachtagung im Bürgerzentrum Haus unter den Linden (HudL) versuchten gestern Mitarbeiter von Wohlfahrtsverbänden und Bürger Wege zu finden, sichtbare und unsichtbare Barrieren abzubauen. Dazu gehörte zu allererst die Überwindung der eigenen Ängste. Das Netzwerk Inklusion wollte an diesem Tag nicht nur über, sondern auch mit behinderten Menschen reden. Diese Absicht hatten auch die beiden Professoren Roswitha Gembris und Walter Niemeier von der Fachhochschule des Mittelstands aus Bielefeld. Im HudL präsentierten sie die Ergebnisse ihrer Befragung zum Thema Inklusion im Stadtgebiet Herford. "Unsere Bestandsaufnahme bei Nutzern und Anbietern von Behinderteneinrichtungen hat ergeben, dass Inklusion nicht nur nötig, sondern auch möglich ist", sagte Gembris. Neben dem Bewusstsein müssten aber auch die personellen und finanziellen Grundlagen der Einrichtungen gestärkt werden. Gembris: "Viele Sachen sind möglich, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht." Lernen entsteht durch Irritation Dass es dafür nicht immer Millionen braucht, darauf weist Kabarettist und Theologe Rainer Schmidt gerne hin. "Wer heute ein Gebäude von Anfang an barrierefrei baut, den kostet das nur zwei Prozent der Bausumme." Jeder Supermarkt würde das hinbekommen, aber behindertenfreundliche Verwaltungsgebäude sind eine Seltenheit. Schmidt, selbst ohne Unterarme und mit einem verkürzten rechten Oberschenkel geboren, wählt gerne die offensive Methode, um Berührungsängste abzubauen. Zum Beispiel durch Berührung. "Die Barrieren fangen ja bei einem selbst an", sagt HudL-Leiter Hartmut Giebel. Er habe sich Gedanken gemacht, wie er den Gastredner richtig begrüßen solle. "Aber er ist einfach auf mich zu und hat mir seinen Arm entgegen gestreckt." Schmidt übersetzt das so: "Lernen erzeugen Sie durch Irritation. Einstellungen verändern Sie durch erleben." Erlebnisse konnten die Teilnehmer anschließend in fünf Arbeitsgruppen sammeln. So wurden in der Gruppe Klangwelten die Melodien mit verschiedenfarbigen Glocken erzeugt. "Sie kennen nicht die Noten und sie spielen auch mal falsch, aber sie haben einen unverwechselbaren Ausdruck", sagte Workshopleiter Thomas Groß von der Lebenshilfe Herford. Das Wort Inklusion wird lebendig Gemeinsam mit Benno Winkelmann, Behindertenbeauftragter von Arminia Bielefeld, und Paralympicsieger Sebastian Dietz diskutierten in einer Gruppe über inklusive Sportangebote und ihre Grenzen. Teilnehmerin Conny Stricker wusste den vielleicht wirkungsvollsten Tipp zu geben: "Vielleicht sollte jeder nicht behinderte Sportler einmal beim Behindertensport mitmachen und erleben, wie sich diese Menschen füreinander freuen, egal ob sie gewinnen oder nicht." Für Moderator Hartmut Brandtmann hat sich der Tag in jedem Fall gelohnt: "Inklusion war für mich vorher ein sprödes Wort, das ausschließt. Nach diesem Tag hat es für mich eine lebendige Bedeutung."

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