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Der 22. Januar 2015: Ein Polizeiwagen steht vor einem Haus am Westring. Daneben Sebastian B. mit dem erhobenen Finger, einer typischen Geste, mit der Salafisten oft posieren. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Der 22. Januar 2015: Ein Polizeiwagen steht vor einem Haus am Westring. Daneben Sebastian B. mit dem erhobenen Finger, einer typischen Geste, mit der Salafisten oft posieren. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford Wie Sebastian B. aus Herford IS-Kämpfer wurde

Der Herforder muss sich in Düsseldorf vor dem Staatsschutzsenat verantworten

Jobst Lüdeking
20.07.2015 | Stand 21.04.2016, 17:06 Uhr
August 2014: Sebastian B. im Fernseh-Interview. - © Spiegel-TV
August 2014: Sebastian B. im Fernseh-Interview. | © Spiegel-TV

Herford. Der Saal des Staatsschutzsenats des Oberlandesgerichts Düsseldorf ist besonders gesichert. Nur nach einer intensiven Überprüfung dürfen Zuhörer eintreten. Die Angeklagten sitzen hier hinter Panzerglas. Vermutlich im Herbst soll dort ein Herforder Platz nehmen: Sebastian B. (27) aus Herford und seinem Mitangeklagten Mustafa C. aus Mönchengladbach werden Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS und die Planung eines Anschlags zur Last gelegt.

92 Seiten umfasst die Anklageschrift des Generalsbundesanwalts. Er hatte B. im Januar in seiner Wohnung am Westring durch ein Spezialeinsatzkommando festnehmen lassen. Die Geschichte von B. ist typisch für Kämpfer des Islamischen Staats (IS) in Deutschland. Der heute 27-Jährige schlitterte in den Terrorismus.

Derzeit verbüßt er sogar noch einen Teil der Haftstrafe wegen Drogen, die in der Vergangenheit gegen ihn verhängt und nun widerrufen worden war.

Aufgewachsen in Bünde und Herford

Aufgewachsen ist B. in Bünde und Herford. Seine Eltern haben sich früh getrennt, berichten Bekannte. Die Hauptschule verließ er und wechselte auf die Eickhoff-Schule des Kreises Herford. An der Schule in Hiddenhausen kümmern sich die Pädagogen intensiv um Kinder, die verhaltensauffällig sind. Mit einer Ausbildungsmöglichkeit war es für den jungen Mann nach der Schule nicht weit her.

Schließlich wurde B. in einem betreuten Wohnprojekt an der Dieselstraße untergebracht. Hier lernte er unter anderem Murat D. kennen, heute mutmaßlicher IS-Terrorist - der noch für den IS in Syrien oder den Irak kämpft. Auch D. war in dem Wohnprojekt untergebracht, in dem die jungen Männer eigentlich ein selbstbestimmtes Leben erlernen sollten.

Nach NW-Informationen aus dem Bekanntenkreis sollen B. und D. von tschetschenischen, aber auch anderen islamistischen Dealern mit Marihuana versorgt worden sein. Der Drogenkonsum ist offenbar ein erster Kontakt zur Islamisten-Szene in Herford, der sich aber ausweitet und schließlich mit dem Übertritt zum Islam endet. Denn die Islamisten geben B. das, was er sucht: Anerkennung und Zusammenhalt.

Als äußeres Zeichen seines neuen Glaubens trug B., wenn er in der Innenstadt unterwegs war, eine weiße Gebetskappe. Mit dem neuen Glauben ließ der Herforder auch seinen Namen hinter sich und nannte sich nun Umar A.

Der Aufbrauch in ein neues Leben? B. nahm eine Stelle in einem Schnellrestaurant an und arbeitete dort regelmäßig. Der Einstieg in einer bürgerliche Existenz? Ehemalige Bekannte vermuten eher, dass er sich hier das Geld für den Flug in den Dschihad verdiente.

Schließlich verschwand Sebastian B. im Frühjahr 2013 aus Herford. Der Generalbundesanwalt geht in seiner Anklage davon aus, dass sich B. einem Ableger des IS mit dem Namen "Auswanderer von Aleppo" anschloss und dort in einem Camp eine Kampfausbildung durchlief. Bis zu seiner Rückkehr im November 2013 soll er in einer Logistikeinheit die Truppen der Terrororganisation versorgt haben.

Im Visier der Ermittler

Schließlich ist er wieder zurück in Herford, heiratet nach islamischen Recht eine junge Konvertitin, die sich ebenfalls den Salafisten angeschlossen hat. Die Sicherheitsbehörden haben längst begonnen, den damals 25-Jährigen ins Visier zu nehmen.

Im August 2014 wird B. erneut auffällig. Er gehört zu den fünf Salafisten, die für den Angriff auf einen jesidischen Imbissbesitzer an der Steinstraße verantwortlich sein sollen. Das Opfer, das mit einem Messer an der Hand verletzt wird, hatte mit einem Plakat auf die Gräueltaten des IS an den Jesiden aufmerksam gemacht und war danach attackiert worden.

In einem Beitrag von Spiegel-TV wird B. interviewt. Er weist Gewalt-Vorwürfe zurück. Dann wird es scheinbar ruhig um B., - der aber noch immer im Visier der Ermittler steht. Zwischenzeitlich hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen gegen B. übernommen, sammelt Beweise und befragt Zeugen. B. hält dabei offenbar noch immer Kontakt zu Mustafa C. aus Mönchengladbach.

Nachdem am 7. Januar 2015 in Paris Ex-IS-Terroristen die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt angreifen und 17 Menschen ermorden und belgische Ermittler gegen gewaltbereite Salafisten vorgehen, sehen offenbar auch die deutschen Behörden Gefahren für die Sicherheit und handeln.

Im Januar stürmte das SEK die Wohnung

Am 22. Januar stürmte ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung von B. am Herforder Westring und zeitgleich die Wohnung von C. am Niederrhein. C. wird bereits bei der Festnahme die Planung einer schweren staatsgefährdenden Straftat zur Last gelegt, so die Bundesanwälte. Das ist eine Umschreibung für eine Anschlagsplanung.

Gegen den Herforder B. wird zunächst allein wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung ermittelt. Doch in der aktuellen Anklage werden dem 27-Jährigen die selben Vorwürfe gemacht wie Mustafa C. - Planung einer staatsgefährdenden Straftat.

Information
Islamisten

Als Kopf der Herforder Islamisten gilt den Sicherheitsbehörden ein nach Deutschland geflüchteter ehemaliger Tschetschenienkämpfer. Er wird von ihnen auch als islamistischer Gefährder eingestuft.

Neben Sebastian B. haben sich mindestens drei Männer aus Herford der Terrororganisation angeschlossen. Einer wurde getötet. Gegen einen weiteren ermittelt ebenfalls der Generalbundesanwalt.

Daneben besteht der Verdacht, dass weitere Personen ausgereist sind, um sich dem IS anzuschließen.