Gekonnt: In Aragons Roman "Karwoche" spielen Berittene eine Rolle, an die Stücke mit dieser Studie in Tusche erinnert.
Gekonnt: In Aragons Roman "Karwoche" spielen Berittene eine Rolle, an die Stücke mit dieser Studie in Tusche erinnert.

Herford Jochen Stücke stellt im Pöppelmann-Haus aus

Lothar Nenz

Herford. Aller guten Dinge sind drei. Dass dieses Sprichwort stimmt, beweist der Kunstverein mit seiner neuesten Ausstellung. Zum dritten Mal ist Jochen Stücke mit Arbeiten zu Gast im Pöppelmann-Haus. Und wieder ist der Kommentar zu der Werkschau "Pariser Album II" mit einem schlichten "phänomenal" auf den Punkt gebracht. Ab Samstag ist in dem Album II zu blättern. Stücke, der zu den besten Zeichnern der Gegenwart gehört, hat sich der französischen Hauptstadt auf sechserlei Ebenen genähert. Er erinnert an die Revolution von anno 1789, er zeigt die berühmte Kathedrale Notre Dame, er lässt Napoleon durch seine Blätter geistern, berichtet aus dem Roman "Karwoche" von Louis Aragon, der sich mit der Herrschaft der Hundert Tage auseinander setzt, lässt berühmte Künstler zu Wort (und Bild) kommen und umreißt in Nocturnes und Paricons sein aktuelles Parisbild. Alle diese Annäherungen haben eines gemeinsam: Die Realität der Tusche- oder Federzeichnungen, der Gouachen oder Radierungen hat mit der Wirklichkeit der geschilderten Begebenheit kaum bis gar nichts zu tun. Grundlagen dafür sind bevorzugt literarische Texte, in denen die jeweiligen Autoren ihre Handlungsstränge nach Bedarf gestaltet haben. Und genau in diese Kerbe haut Stücke mit seiner Bilderwelt, in der er Personen der Zeit- und Kulturgeschichte, die sich im tatsächlichen Leben - weil schon tot - nie getroffen haben können, miteinander agieren und ins Gespräch kommen lässt.Mit sicherem Strich spontan und ohne Vorzeichnung aufs Blatt bringen "Alles ist ein Fake", kommentiert der 52-Jährige sein bildnerisches Output, das er mit sicherem Strich spontan und ohne jegliche Vorzeichnung aufs Blatt bringt. Ist er mit dem Ergebnis nicht zufrieden, verwischt oder zerkratzt er die beanstandete Stelle. "Dabei malträtiere ich das Papier regelrecht, aber so wird das Prozesshafte der Zeichnung erleb- und nachvollziehbar", sagt Stücke. Er arbeitet gern vor der Natur, Auge in Auge mit dem Motiv. Im Atelier setzt er die großen Formate in Szene. Dabei bedient er sich einer fast theatralischen Lichtführung, in der die Thematik des Blattes sprichwörtlich ins rechte Licht gerückt wird. "Großes historisches Getöse möchte ich in meinen Blättern in kleines menschliches Handeln runterbrechen", beschreibt der Macher seine bildnerische Intention. In der lässt er in einem Linolschnitt die hochperückten Hofdamen Marie-Antoinettes in der Metrostation Bastille ihr allseits bekanntes Schicksal erwarten. Oder es rumpelt ein Karren, beladen mit Häuptern Geköpfter, die an eine Fuhre Kohlköpfe erinnern, durch das Format. Und im "Gespräch unter Feinden" diskutieren Marie Antoinette, Robespierre, Danton und Co. unter der Guillotine liegend die Ausweglosigkeit ihrer Lage.Notre Dame krabbelt auf Spinnenbeinen über die Bildfläche Auf mehreren Blättern lässt Stücke die Notre Dame auf Spinnenbeinen über die Bildfläche krabbeln. Paris? Hauptkirche ist auf der Flucht vor der tagtäglichen Entweihung durch den Ansturm der Touristen, die vor diesem berühmten Sakralbau keinerlei Respekt haben. Den geschilderten anhaltenden Werteverfall unterstreicht Stücke durch eine fast morbide, dunkeltonige Farbsetzung der Gouache. Übrigens ist der gebürtige Münsteraner nicht nur ein Mann der Linie, er ist auch ein Mann des Wortes. Erklärende Texte und Bezugshinweise sind fester Bestandteil einer jeden Stücke-Zeichnung.Ein Leben in Kürze 1962: Rolf Stücke wird in Münster geboren. 1982-87: Studium an der Fachhochschule Münster bei Prof. Rolf Escher, Diplom. 1992-96: Studium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig bei Prof. Karl Christoph Schulz, Diplom, Meisterschüler. Stipendien im In- und Ausland. Gastdozentur an der Woodbury University, Burbank, Los Angeles. Seit 2002: Professur für Zeichnung und Illustration im Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein in Krefeld. 2009: Veröffentlichung des ersten „Pariser Albums“. 2011: Arbeit an den „Dresden-Phantasien“. 2013: Veröffentlichung des zweiten „Pariser Albums“.Daten zur Stücke-Schau 
Pariser Album II – Malerei und Grafik von Jochen Stücke, bis zum 21. Juni im Daniel-Pöppelmann-Haus, Deichtorwall 2 in Herford. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag 14-18 Uhr, sonn- und feiertags 11-18 Uhr. Ausstellungseröffnung am Samstag, 18. April, um 16.30 Uhr durch den Vorsitzenden des Kunstvereins Theodor Helmert-Corvey. Eine Einführung gibt Ulrike Hamm von der gleichnamigen Galerie in Bissendorf. Die musikalische Gestaltung übernimmt der Chor Bonn a-capella. Zu der Ausstellung liegt ein 186 Seiten umfassendes Katalog-Buch mit zumeist vierfarbigen Abbildungen vor. Im Pöppelmann-Haus kostet das Buch 28 Euro, im Buchhandel 31 Euro.Folgende kostenlose Angebote unterbreitet Sonja Ziemann-Heitkemper: Montag, 20. April, ab 16 Uhr Führung für Multiplikatoren. Sonntags (ab 26. April und nicht am 3. Mai) jeweils um 15 Uhr Führungen durch die Ausstellung. Ebenso zu Christi Himmelfahrt (14. Mai) und Fronleichnam (4. Juni). Abendführungen an den Donnerstagen, 19. Mai und 11. Juni, ab 18.30 Uhr. Eltern-Kind-Führungen an den Samstagen, 9. und 30. Mai sowie 20. Juni, jeweils ab 15 Uhr. Führungen durch die Stücke-Schau für Schulklassen und Sonderführungen (kostenpflichtig), stets nach Vereinbarung. Kontakt dazu unter Tel.: (0 52 21) 18 96 89 oder per E-Mail an ZiemannArt@aol.com.

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