Herford Wiederbelebung eines Könners

Der Herforder Kunstverein zeigt Zeichnungen, Glasmalerei und Aquarelle von Karl Muggly im Pöppelmann-Haus

Lothar Nenz

Herford. Die Strömungen der Kunstgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert lassen sich bildhaft mit dem Lebenswerk des Wahl-Bielefelders Karl Muggly belegen. Dessen Schaffen hat der Herforder Kunstverein seine aktuelle Ausstellung gewidmet. Im Untertitel der Werkschau ist zu lesen: Neuentdeckung eines Meisters der klassischen Moderne. Damit trifft der Kunstverein ins Schwarze, weil die Zeit über den völlig zu Unrecht vergessenen Künstler hinweggegangen ist. Um so bemerkenswerter ist jetzt die Wiederbelebung Mugglys, der 40 Jahre lang an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bielefeld als Dozent gearbeitet und unzählige Studierende mit fachlichem Rüstzeug für ihr eigenes kreatives Schaffen ausgestattet hat. Bei aller prägenden pädagogischen Begleitung hat Muggly selbst ein umfassendes Oeuvre hinterlassen, das von ganz eigener Formenfindung und Farbgestaltung geprägt ist. Einen Namen über die Region hinaus hat sich der gebürtige Münchner als Schöpfer herausragender Glasfenster für den sakralen wie profanen Bereich gemacht. Dabei knüpfte er an die große Tradition der mittelalterlichen Glasmalerei mit ihrer leuchtenden Farbgebung an. Das Besondere bei Muggly: Er brachte das transparente Farbenspiel mit expressiver Formensprache in überzeugenden Einklang, und er bettete die figürliche Darstellung in eine die Thematik ergänzende Symbolik ein. Etliche dieser beispielhaften Arbeiten sind in Bielefelder Gebäuden zu sehen, so die große Rosette in der Altstädter Nicolai-Kirche, vier Fenster in der Jakobuskirche oder Treppenhausfenster im alten Landgericht. Ein Großteil des Muggly-Glases ist im Zuge der Bombardements und dem Bau des Ostwestfalen-Damms abhanden gekommen. Im Pöppelmann-Haus sind per Video und Demonstrationswand eine ganze Reihe der durchscheinenden Kostbarkeiten zu erleben. Das Gros der Ausstellung zeigt Arbeiten auf Papier, Pappe und Leinwand, in denen sich der Künstler in unterschiedlichen Gestaltungstechniken profiliert. Lavierte Tuschezeichnungen, Aquarelle, Kohle- und Bleistiftzeichnungen, Mixturen aus den genannten Bereichen und natürlich Öl auf Leinwand. In vielen Blättern ist der schwungvolle Zeichenstrich nachzuvollziehen, in der Figurerfassung bis hin zu akzentuierenden Schraffur. Mal dominiert die Linie, dann wieder zergliedert er die Körper in kubistische Flächen. Der Macher war offen für jede Gestaltungsvariante - und vor allem auch firm in ihr. In seinen Dresdner Studienjahren hatte Muggly Kontakt zu den Brücke-Künstlern, zu Grosz und Dix. In der Stadt sah er die erste Munch-Ausstellung und in späteren Lebensjahren gab es persönliche Kontakt zu Ernst Barlach. Alle diese Begegnungen fanden ihren Niederschlag in Mugglys-Formensprache, wobei er keinesfalls die Genannten kopierte, aber ihre Einflüsse in die eigene Gestaltung einbezog. Bei der Bewältigung seiner Themen setzte Muggly konsequent auf Vereinfachung von Formen, um so die beabsichtigte Botschaft klarer und unmissverständlicher zum Ausdruck zu bringen. Das beste Beispiel für dieses Vorgehen ist die aquarellierte Tuschezeichnung "Das tote Kind" von 1922, die in ihrer Eindringlichkeit wohl im persönlichen Erleben fußt: Zweijährig war sein Sohn Wendelin tödlich verunglückt. Die Darstellung ernster Inhalte zieht sich durch die Blätter, angereichert durch wenige atmosphärische Landschaftsschilderungen in reduzierter Auffassung und Spielszenen mit Kindern. Mugglys Formensprache widersprach der von der NS-Kulturpolitik geforderten Norm. Entsprechend bekam der Künstler keine Aufträge mehr, als Entarteter fand er einfach nicht mehr statt. Nur war die Familie auf dieses Zubrot angewiesen. Um das Einkommen zu stützen, bemalte Muggly dekorative Fliesen und Kacheln, die Ehefrau Phia, selbst eine expressiv arbeitende Textilkünstlerin, nahezu reichsweit im einschlägigen Fachhandel zu vermarkten versuchte. Nach dem Krieg fasst die freie Formensprache wieder Tritt in Mugglys Arbeiten. Er wird in seiner Ausdrucksweise offener, durchaus in Grenzen abstrakter, nicht aber gegenstandslos, wie die Monotypie "Hoffnungsvoller Tanz" aus dem Jahr 1957, seinem Todesjahr, zeigt. Fast 30 Jahre sind nach der letzten Muggly-Ausstellung ins Land gegangen. Warum der Zeit seines Lebens eher introvertierte Künstler so diskret in der Versenkung verschwunden war, liegt wohl an seiner bescheidenen Zurückhaltung. Er war kein Mann, der sich gerne in den Mittelpunkt stellte. Dafür müssen jetzt seine sehenswerten Arbeiten sorgen.

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