Früher nutzte man als Informationsquelle noch Lexika und andere Nachschlagewerke. In Zeiten des digitalen Aufbruchs aber hat Wikipedia längst die Oberhand gewonnen. Der Artikel über die Stadt Enger jedenfalls birgt nach zehn Jahren seines Bestehens mehr Informationen, als jede gedruckte Enzyklopädie. FOTO: FELIX EISELE
Früher nutzte man als Informationsquelle noch Lexika und andere Nachschlagewerke. In Zeiten des digitalen Aufbruchs aber hat Wikipedia längst die Oberhand gewonnen. Der Artikel über die Stadt Enger jedenfalls birgt nach zehn Jahren seines Bestehens mehr Informationen, als jede gedruckte Enzyklopädie. FOTO: FELIX EISELE

Enger Überblick auf einen Klick

Der Wikipedia-Artikel über Enger feiert zehnten Geburtstag / Aus zwei Sätzen wurden 24 Seiten

VON FELIX EISELE

Enger. Ein Leben ohne Wikipedia? Undenkbar. Studenten, Professoren, Autoren - längst nutzen sie alle das berühmteste aller Online-Nachschlagewerke. Und selbst über die Stadt Enger könnten sie sich in der freien Enzyklopädie umfassend informieren. Schließlich hat sich der einst dürftige Eintrag über die Widukindstadt mittlerweile zu einem umfangreichen Artikel mit vielseitigen Informationen entwickelt. Heute feiert er seinen zehnten Geburtstag.

Um Punkt 16.28 Uhr gingen die ersten Sätze online. "Enger ist eine Stadt im Südwesten des Kreises Herford in Nordrhein-Westfalen. Sie grenzt im Westen an Spenge, im Norden an Bünde, im Osten an Hiddenhausen sowie Herford und im Süden an die kreisfreie Stadt Bielefeld", war am 1. August 2003 in der deutschen Wikipedia zu lesen. Ein Nutzer namens "Tebdi" hatte die spärlichen Informationen veröffentlicht und der weltweiten Netzgemeinde zugänglich gemacht.

Mit seinen Formulierungen brachte der Herforder einen Stein ins Rollen, der bis heute ungebremst seinen Weg nimmt. Schon eine halbe Stunde nach Freischaltung des ersten Eintrags erweiterten diverse Nutzer den Beitrag um die einzelnen Stadtteile samt Einwohnerzahlen, Bildungseinrichtungen, Sitzverteilung im Stadtrat, Sehenswürdigkeiten und Partnerstädte. Auch Herzog Widukind fand zu diesem Zeitpunkt bereits Erwähnung.

Nach und nach wurde den Informationen die nötige Struktur gegeben und die Basisdaten in einer Tabelle zusammengefasst. Eineinhalb Jahre nach Eröffnung der Enger-Seite fügte der Nutzer "Antiich" die ersten Informationen zur Ortsgeschichte hinzu. Andere Wikipedianer ergänzten den Beitrag um lokale Musiker, Vereine und Veranstaltungen.

Etwa zur gleichen Zeit zeigte sich, dass die Möglichkeit zur freien Bearbeitung von Artikeln auch Schattenseiten birgt. Ein Spaßvogel machte den Ortsteil Oldinghausen unter Missachtung des Neutralitäts-Gebotes kurzerhand zum "besten Ort der Welt". Kurz darauf erklärte er sich selbst zum Bürgermeister, erhöhte Westerengers Einwohnerzahl auf satte 300.000 Menschen und die Fläche der Stadt um 400 Quadratkilometer. Ein schnelles Eingreifen von "D" und "HaeB" revidierte die Änderungen noch am selben Tag wegen "Vandalismus". Das gleiche Schicksal wiederfuhr einem Nutzer, der die Heideschule verunglimpfte und verächtliche Kommentare über die türkischstämmige Bevölkerung hinterließ.

Etliche weitere Wikipedia-Nutzer, allen voran die Autoren "TUBS" und "Aholtmann", bereicherten den Artikel fortan um stetige Aktualisierungen und informative Kapitel zu Bauwerken, Naturdenkmälern und heimischen Persönlichkeiten, so dass neben Stiftskirche und Kleinbahnhof auch Menschen wie Ex-NRW-Minister Axel Horstmann, "Alphaville"-Gründer Bernhard Lloyd, Bischof Karl-Heinz Wiesemann oder Königin Mathilde Einzug in die Wikipedia hielten. Bis heute wuchs die Zahl der erwähnten Engeraner Persönlichkeiten auf immerhin 25 an.

An seinem fünften Geburtstag zählte der Artikel bereits 5.291 Wörter - auch weil ein Nutzer namens "BangertNo" beachtlich umfangreiche Beiträge zur Stadtgeschichte freischaltete und erste Fotos diverser Bauwerke veröffentlichte, bevor er sich als Autor gänzlich vom Mitmach-Lexikon verabschiedete. Ab 1. Mai 2006 prangten zudem die drei blauen Seerosen des Stadtwappens auf der Seite, die Neue Westfälische wurde am 13. Dezember 2007 erstmals erwähnt.

Mittlerweile sind die zwei Sätze vom 1. August 2003 auf stolze 24 DIN-A4-Seiten angewachsen. Unzählige Nutzer haben den digitalen Lexikon-Eintrag in insgesamt 998 Änderungen stetig um Zahlen, Fakten, Fotos und Anekdoten ergänzt - zuletzt im Juni dieses Jahres, als Enger auf Grundlage der Zensus-Ergebnisse zu einer Mittelstadt erklärt wurde. Und ein Ende, soviel ist sicher, ist noch lange nicht abzusehen.

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