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Der Märchenerzähler - © FOTO: EISELE
Der Märchenerzähler | © FOTO: EISELE

KREIS HERFORD Und wenn sie nicht gestorben sind . . .

Seit 20 Jahren ist der Bünder Martin Kuske als Märchenerzähler tätig

VON FELIX EISELE
24.08.2011 | Stand 24.08.2011, 13:18 Uhr

Kreis Herford. Der Märchenwald ist sein Zuhause, die fantasievollen Geschichten von Fabelwesen, sprechenden Tieren und Happy-Ends seine Leidenschaft. Und obwohl die Brüder Grimm gigantische Fußstapfen hinterlassen haben, hat der Bünder Martin Kuske seine Passion zur Profession gemacht. Seit mittlerweile 20 Jahren ist er als klassischer Märchenerzähler unterwegs.

Die letzte literarische Allgemeinbildung

Es ist die packende Spannung, die urmenschliche Themenvielfalt, vor allem aber die langlebige Tradition der fabelhaften Geschichten, die Kuskes Faszination einst begründeten. "Märchen", so sagt der Bünder, "sind der letzte Rest literarischer Allgemeinbildung. Fragen Sie mal nach Hänsel und Gretel, die kennen mehr Menschen als Goethes Faust". Nicht ohne Grund seien Grimms "Kinder- und Hausmärchen" weltweit das meist-übersetzte Buch nach der Bibel.

Und das aus gutem Grund, sind die meisten Märchen doch bewusst kurz und simpel gehalten. "Typisch zum Beispiel ist die klare Unterteilung in Gut und Böse", erklärt Martin Kuske, "durch diese Vorgehensweise und die einfache Notation weiß man sofort, auf welcher Seite man als Konsument steht. Man wird gelenkt."
Als Märchenerzähler trägt Kuske selbst seinen Teil zu dieser Steuerung bei. "Die Lektüre und die Erzählweise", so beschreibt er dieses Phänomen, "vermögen auf unglaubliche Art zu packen und in den Bann zu ziehen".

Nicht lesen, sondern erzählen

Auch deshalb nimmt er sein Tätigkeitsfeld durchaus beim Wort: er liest keine Märchen vor, er erzählt sie. Narrativ, frei aus dem Gedächtnis und stets mit eigens erarbeiteter Erzählweise. "Zwischen mir und dem Publikum versperrt kein Buch die Sicht", beschreibt er die Vorteile eines Erzählers, "so kann ich Reaktionen beobachten und es entsteht eine fantastische Wechselwirkung". So fesselt Martin Kuske seit 20 Jahren Zuhörer aller Altersklassen.

Es war im Jahr 1989, als der studierte Germanist und gelernte Bibliothekar die Faszination für seine Profession entdeckte. "Damals habe ich auf einem Kongress der Europäischen Märchengesellschaft Erwachsene gehört, die anderen Erwachsenen Märchen erzählt haben", erinnert sich Kuske. Eine Art "Heureka"-Erlebnis, schließlich habe er dort entdeckt, dass es Märchenerzähler überhaupt noch gibt. "Das hat mich sehr berührt", sagt Kuske heute, "und so habe ich eine Idee von dem bekommen, was ich auch selber machen wollte".

Im März 1991 feierte er schließlich seine Premiere als Märchenerzähler in einer Berliner Bücherei, nachdem er seine Kunst zuvor bei der Märchengesellschaft erlernt hatte. Schon wenig später verabschiedet er sich von seinem Dasein als Bibliothekar, zog "der Liebe wegen" nach Neustadt an der Aisch und suchte sein berufliches Glück im Erzählen von Märchen und literarischen Angeboten an der Volkshochschule. Erst später, im Januar 2007, zog es ihn schließlich nach Bünde.

Geschichten aus 1001 Nacht

Seine Begeisterung für die Fabelwelt aber ist noch heute ungetrübt. Wobei das Märchenuniversum weit mehr zu bieten hat, als nur die grimmschen Geschichten. "Von den knapp 80 Erzählungen in meinem Repertoire stammen nur gut 20 von den Brüdern Grimm." Der Rest sind internationale Märchen. Kunstmärchen kommen hingegen in seinen Erzählungen nicht vor. "Wilhelm Hauff zum Beispiel ist einfach zu lang, ebenso wie die Geschichten aus 1001 Nacht. Da wird zu viel beschrieben", begründet Kuske, der selbige Erzählungen privat dennoch mag. Im Gegensatz zu Hans Christian Andersen und seinen meist traurig endenden Märchen. "Das ist atypisch."

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