Hermann Gerdener errichtet eine sogenannte Mäuseburg. Die übereinander gestapelten Holzpaletten hat er mit losem Stroh aufgepolstert. Um die Nager anzulocken, streut er einen Eimer voll Getreide darüber. Die Strohballen (hinten) werden das Konstrukt später an den Seiten abdichten. - © FOTO: MAREIKE PATOCK
Hermann Gerdener errichtet eine sogenannte Mäuseburg. Die übereinander gestapelten Holzpaletten hat er mit losem Stroh aufgepolstert. Um die Nager anzulocken, streut er einen Eimer voll Getreide darüber. Die Strohballen (hinten) werden das Konstrukt später an den Seiten abdichten. | © FOTO: MAREIKE PATOCK

ENGER-HERRINGHAUSEN Eine Burg aus Stroh und Holz

Mit einer ungewöhnlichen Konstruktion sollen Greifvögel und Eulen geschützt werden

VON MAREIKE PATOCK

Enger-Herringhausen. Landwirt Hermann Gerdener schleppt eine Reihe von Strohballen auf eine Wiese neben seinem Hof. Dackel-Dame Paula springt aufgeregt neben ihm her. Seine Fracht lädt der 50-Jährige neben vier aufeinander gestapelten Holzpaletten ab. Daraus will er eine Burg bauen. Eine Burg für Mäuse.

Gerdener ist nicht nur Landwirt, er ist auch Jäger. Seine Kollegen und er errichten zurzeit überall im Kreisgebiet sogenannte Mäuseburgen. Ihre tierischen Bewohner sollen Greifvögeln und Eulen im Winter als Futter dienen. "Denn bei einer geschlossenen Schneedecke finden die Vögel keine Nahrung."

Schleiereulen zum Beispiel ernährten sich fast ausschließlich von Mäusen, berichtet der Herringhauser Landwirt. Die Nager aber blieben im Winter unter der Schneedecke. Auch für Wald- und Steinkäuze sei das ein Problem.

"Die Mäuseburg ist für die Vögel wie eine Vorratskammer", sagt er und polstert die Zwischenräume der Holzpaletten mit losem Stroh aus. Ein idealer Nistplatz für die Nager.

Information

Unheilvoller Schrei     

Der markante Ruf des Waldkauzes hat dem Vogel schon reichlich Scherereien eingebracht. Sein Schrei klinge wie "Kiwitt", sagt Jäger Hermann Gerdener. Früher hätten die Menschen jedoch "Komm mit" verstanden – und geglaubt, beim Schrei der Eule müsse jemand sterben. Lange Zeit habe man darum versucht, die Waldkäuze zu verscheuchen, berichtet der Landwirt. (mac)

Oben auf dem Stroh verstreut er einen ganzen Eimer voll Weizenkörner. Zehn Kilo insgesamt. Das Getreide soll Feld- und Spitzmäuse anlocken. Damit es nicht reinregnet in die Burg, deckt Gerdener eine Plastikplane über das Konstrukt. An den Seiten dichtet er die tierische Behausung mit den Strohballen ab. Entscheidend sei, dass es in der Mäuseburg trocken bleibe. "Dann wird es nicht lange dauern, bis sich dort die ersten Tiere einnisten", sagt der Herringhauser Jagdpächter.

Mit den Mäuseburgen wollen die Jäger einen Beitrag zum Naturschutz leisten. Auch wenn es erstmal grausam klinge, Nager als lebende Futtervorräte heranzuziehen. "Aber hier hat der Schutz der Greifvögel und Eulen Vorrang vor dem der Mäuse." Die Jäger wollten dazu beitragen, einen artenreichen Wildbestand aufzubauen. Und dazu gehörten eben auch Schleiereulen, Mäusebussarde oder Waldkäuze.

Auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) begrüßt das Projekt. "Wir sehen das als gute Winterhilfe für Greifvögel und Eulen an", sagt Peter Franzeck von der Kreisgruppe Herford. Der Greifvogel-Experte empfiehlt auch Privatleuten, wenn möglich solche Mäuseburgen zu errichten.

Weil Eulen und Greifvögel aber nicht an die Mäuse herankommen, wenn die Nager in ihrer Burg sitzen, streut Gerdener noch einige Weizenkörner um die Festung aus Stroh. So sollen die Tiere herausgelockt werden. Erst dann könnten die Vögel die Mäuse bejagen.

Schon durch die piepsenden Geräusche im Inneren der Burg würden Schleiereulen angelockt. "Denn diese Vögel jagen auch nach Gehör." Mit den Stroh-Burgen trage man ebenfalls dazu bei, Mäusebussarde mit Nahrung zu versorgen. Das sei vor allem in der kalten Jahreszeit wichtig, denn deren Bestand nimmt im Winter zu: "Dann kommen einige Bussarde als Zugvögel aus dem Norden, zum Beispiel aus Skandinavien, zu uns", berichtet Franzeck.

Wie groß die Population an Schleiereulen, Mäusebussarden, Wald- oder Steinkäuzen im Kreis Herford sei, lasse sich nicht beziffern, sagt der Greifvogel-Experte des BUND. Zwar seien die Tiere nicht gefährdet. Aber der Bestand schwanke. "Und er hängt davon ab, wie viel Nahrung die Vögel im Winter finden." Schleiereulen zum Beispiel hätten in einem schlechten Mäusejahr oft nur 2 bis 3, anstatt 8 bis 12 Jungtiere. "Oder sie brüten gar nicht."

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group