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Schafft Neues: Paolo Picciolo mit der Plastik "Leidenschaft". - © David Knapp
Schafft Neues: Paolo Picciolo mit der Plastik "Leidenschaft". | © David Knapp

Enger/Spenge Künstler öffnen ihre Türen in Enger und Spenge

Bei den offenen Ateliers im Kreis Herford können Besucher auf Tuchfühlung mit Kreativen gehen.

David Knapp
06.07.2019 | Stand 06.07.2019, 12:56 Uhr

Enger/Spenge. In ihrer Werkstatt in Enger erhitzt Sabine Stahr das noch unförmige Glas auf einem dünnen Stab, dem sogenannten Perlendorn. Die Gasflamme lässt das zunächst harte Material zähflüssig werden. „Jedes Glas schmilzt anders. Ich muss den richtigen Punkt finden", sagt Stahr. Sie dreht das Werkzeug kontinuierlich, bringt das Glas in eine runde Form und verziert es schließlich mit kleinen, bunten Tropfen. Seit bald zehn Jahren fertigt die 56-Jährige Glasperlen und Objekte aus Glas an. Die Arbeit mit dem Werkstoff erfordere Ruhe und Geduld. Auch für Annette Lerch, die Sabine Stahr über die Schulter schaut, ist Geduld ein Gebot ihrer Arbeit. In ihrer Werkstatt fertigt sie aus Gold und Silber individuelle Schmuckstücke, besondere Unikate. Am kommenden Wochenende laden Lerch und Stahr Interessierte ein, mehr über ihr Kunsthandwerk zu erfahren. Im Rahmen von „offene Ateliers im Kreis Herford", einer Initiative des „Kulturanker", empfangen zahlreiche Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers und Werkstätten Gäste. „Die, die sich das mal etwas genauer anschauen wollen, haben dann die Möglichkeit. So bekommt man eine Vorstellung davon, wie das entsteht", erklärt Lerch. Sabine Stahr ergänzt: „Es ist eine andere Atmosphäre als auf dem Kunsthandwerkermarkt. Wir haben mehr Zeit zum Erklären." Eins werden mit dem Werkstück Die beiden Frauen eint das Bedürfnis, durch kreatives, handwerkliches Schaffen Objekte mit Anspruch auf Individualität zu entwickeln. So versucht sich Stahr immer wieder an neuen Kreationen von Glasperlen. Sie designt gläserne Griffe für Brieföffner und Tortenheber, entwirft Anhänger und Schmuckstücke. Annette Lerch arbeitet gerne mit Edelsteinen oder schafft aus alten Dingen Neues. Eine Methode, auf die sie dabei zurückgreift, ist das Sandgussverfahren. Durch diese Technik ist es ihr möglich, sehr persönliche Objekte in Schmuck zu verwandeln. Vereinfacht gesagt wird dabei ein Objekt in eine Sandform gepresst und wieder entfernt. Anschließend wird das entstandene Relief mit dem Werkstoff aufgegossen. „Wenn ich das aus dem Guss hole, ist es dreckig und stumpf." Um daraus etwas edel funkelndes wie einen Ring oder eine Kette zu formen, brauche es harte Arbeit. „Das Schlimmste, was ich zu hören bekomme, ist: Achja, du bastelst wieder. Darauf reagiere ich allergisch." Doch obwohl das Handwerk oft auch körperlich anstrengend sei, habe es für sie etwas Meditatives. „Für mich ist es ein Segen, sich über fünf, sechs Stunden mit einem Objekt zu beschäftigen." In gewisser Weise werde sie „eins mit dem Werkstück". Ein Sammler und Sachensucher Paolo Picciolo ist für seine Kunst auf seine Wahrnehmung und die ihn umgebene Natur angewiesen. Der 78-Jährige ist ein Sammler und Sachensucher, der Fundstücke aus ausgewaschenem Holz, Steinen und dem Müll der Wohlstandsgesellschaft arrangiert und Überraschendes schafft. „Diesen toten Objekten, die wir am Strand oder in den Bergen gefunden haben, habe ich neues Leben eingehaucht", erklärt Picciolo. Aus Holz und Knochen wird ein Marabu, aus einem Klodeckel eine Krippe, mal umarmen sich zwei Nägel leidenschaftlich wie ein Liebespaar, mal erkennt der Betrachter in einer gelben Bürste eine französische Gelbweste. „Meistens weiß ich augenblicklich, was aus den Objekten wird. Tausend Menschen gehen daran vorbei und ich bleibe stehen und sehe darin etwas." Manchmal habe seine Frau Sorge, er entdecke zuviel und nehme zu viele Dinge mit nach Hause. Das Material für seine Plastiken und Assemblagen findet Picciolo überall: an den Küstenstreifen von Island, den Stränden am Mittelmeer oder der Gobi in der Mongolei. „Wir können immer sagen, wo es herkommt und wie wir dazu gekommen sind. Zu jedem Stück gibt es eine Geschichte."

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